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Im Gehirn gebe es noch zahlreiche unbekannte Phänomene, sagen Wissenschafter. Dieser "Forscher" versucht, mit seiner Bohrmaschine das überdimensionale Hirn in einer Ausstellung zu montieren.

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Damit machen sie zwar Sinn, sind aber nicht zwangsweise "richtig".

Giambattista Bodoni ist auf der Suche. Der Antiquar hat nach einem Schlaganfall sein Gedächtnis verloren. Weder weiß er, ob er mit seiner hübschen Assistentin eine Affäre hatte, noch wer sein Enkelkind ist. Anhand von Büchern, Bildern oder Pastadosen versucht der Held des neuen Umberto-Eco-Romans "Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana" die Lücken seiner Identität zu füllen.

Hans Lassmann, Leiter des Wiener Instituts für Hirnforschung, begab sich auf Ursachenforschung. "Offensichtlich handelt es sich hier um eine Störung beim Abrufen des Gedächtnisses." Diese Hirnfunktion ist auf eine relativ kleine Region beschränkt. Kommt es hier zu Beeinträchtigungen, "kann man zwar ein neues Gedächtnis einspeichern, aber man hat große Schwierigkeiten, Inhalte, die bereits gespeichert wurden, wieder abzurufen.

Zusätzliches Problem: Wenn Nervenzellwerke partiell gestört werden, kann es passieren, dass ein Teil der Information verloren geht. Und unvollständige Gedächtnisinhalte hat unser Gehirn gar nicht gerne. "Die machen keinen Sinn, das Hirn kennt sich nicht aus und unterdrückt solche Verwirrungen deshalb aktiv", sagt Lassmann. Wird es später mit bereits bekannten Teilen, etwa Erfahrungen aus der Jugend, konfrontiert, konstruieren sich die ausgefallenen Netzwerke neu. Der erneuerte Gedächtnisinhalt wird dabei nicht ganz mit dem ursprünglichen ident sein.

Wenn also Giambattista im Lauf seiner Recherchen zu der Erkenntnis gelangt, seine heutigen Vorlieben wurden bereits in der Kindheit geprägt, könnte das ein Trugschluss sein. Für ihn mag diese scheinbar "richtige" Erinnerung durchaus Sinn machen, objektiv "richtig" ist sie dadurch noch lange nicht.

Ein Phänomen, das nicht nur bei Schädigungen des Gehirns, sondern auch im Normalbetrieb vorkommt: "Wenn Sie drei Jahre nach einem Autounfall zwei verschiedene Zeugen kontaktieren, kann es leicht passieren, dass sie zwei erheblich unterschiedliche Versionen zu hören bekommen, wobei beide Zeugen hundertprozentig überzeugt sind, dass es der richtige Unfallhergang ist." Das Ereignis wurde also korrekt eingespeichert, später aber von anderen Gedächtnisinhalten überlagert. Ursache dafür kann etwa das Erleben eines ähnlichen Unfalls sein, wodurch alte und neue Information verknüpft werden. Ergebnis ist ein in wesentlichen Details abweichendes Gesamtbild.

Womit wir beim zweiten Klassiker der Buch- oder Filmwelt wären: die Gehirnwäsche. Auch Denzel Washington ahnt im Remake von "The Manchurian Candidate" Böses: Er kann sich einfach nicht daran erinnern, dass ihm Präsidentschaftskandidat Raymond Shaw das Leben gerettet haben soll. Und es wächst in ihm der Verdacht, einer Gehirnwäsche unterzogen worden zu sein.

Ganglien-Feinwäsche

Gezieltes Löschen von Wissensinhalten funktioniere aufgrund der Verschachtelung des Gedächtnisses nicht, verweist Hirnforscher Lassmann solche Szenarien in das Reich der Utopien. Sehr wohl denkbar ist ein gezieltes Umschreiben, wie es eben auch ohne Forcierung geschieht. Voraussetzung dafür ist, dass alter und neuer Gedächtnisinhalt eine große Ähnlichkeit aufweisen. Erst dann bestehe die Chance, "dass dieselben Nervenzellennetzwerke wieder dafür verwendet werden". Gehirnwäsche ist für Lassmann nichts anderes als indoktriniertes Lernen. Der an sich natürliche Basisvorgang der Umschreibung werde hier eben gezielt durch eine Art Trainingsprogramm umgesetzt.

Was fehlt in diesem Einmaleins aus Hollywood? Der Lügendetektor. Der Wissenschafter raubt auch ihm den Glanz: Der Polygraf, wie das Gerät im Fachjargon heißt, funktioniere "nur über eine Messung der Verunsicherung des Probanden". Als Indiz gelten Körperreaktionen wie etwa Schweiß. Emotionaler Stress müsse aber nicht unbedingt mit einer Lüge einhergehen.(Karin Moser, Der Standard, Printausgabe, 2.11.2004)