Hannover - Bei den VW-Tarifverhandlungen geht es voran, aber quälend langsam. "Das ist keine Tarifrunde wie die anderen", sagt IG Metall-Verhandlungsführer Hartmut Meine, wenn er gefragt wird, warum es nicht schneller läuft.

Alles auf einmal

In der Tat: In dieser Tarifrunde soll bei VW alles gelöst werden, was bei anderen Verhandlungen in zwei oder drei Pakete gepackt wurde und dann in aller Ruhe verhandelt: Lohn, freie Tage, Arbeitsbedingungen, Vorruhestand, Gesundheitsfürsorge und vieles mehr.

Stöhnende Delegation

"Mensch ist das zäh", stöhnt einer aus der VW-Verhandlungsdelegation, als er am Abend zu einem Bier an die Bar eilt. Gleich neben dem Verhandlungsort im Kongresszentrum in Hannover haben IG Metall und VW reihenweise Zimmer in einem Hotelturm reserviert, damit die erschöpften Tarifkämpfer zwischendurch etwas Schlaf finden können.

Offiziell dringt nichts über den Stand der Verhandlungen nach außen. Klar ist aber, dass Gewerkschaft und Unternehmen an allen Ecken und Kanten nach Stellschrauben suchen, um Einsparungen bei den Personalkosten zu erreichen.

Rechenübungen

Da geht es zum Beispiel um freie Tage, um den Verzicht der Anrechnung von Weiterbildung als Arbeitszeit, um längere Arbeitszeiten für Junge, damit sie im Alter früher ausscheiden können oder um die teuren Überstunden. Mühselig rechnet das Unternehmen, was das als Kostenentlastung bedeuten würde, ebenso mühselig die Tarifexperten der IG Metall, was sie durch solche kleinen Schritte dem einzelnen Arbeiter wegnehmen würden.

"Einfach nicht genug"

Für VW ist das Ziel klar: Eine Milliarde Euro sollen in dieser Tarifrunde - also vermutlich in zwei Jahren - zusammenkommen. Das Problem: Die Angebote der Gewerkschaft sparen hier 10 Millionen, dort 20 Millionen. "Das bringt einfach nicht genug", sagt einer aus der VW-Delegation. VW-Verhandlungsführer Josef-Fidelis Senn mahnt den großen Schritt an.

Das wäre zum Beispiel ein mehrjähriger Verzicht auf Lohnerhöhungen, wie er laut Gewerkschaft von VW ins Gespräch gebracht wurde. Offiziell fordert VW nur zwei Jahre mit Nullrunden. So oder so wird die Belegschaft aber einen hohen Preis dafür zahlen müssen, dass sie eine Beschäftigungsgarantie für die 103.000 Jobs bekommt.

Fehler des Managements

Der Betriebsrat will aber noch ein anderes Ziel erreichen: Die Arbeitnehmervertreter wollen mehr bei der Produktplanung mitreden. In Wolfsburg herrscht nämlich große Verbitterung über die vielen Managementfehler, die VW-Top-Leute in den letzten Jahren gemacht haben.

Beispiele: Der immer noch nicht fertige Bugatti Veyron mit 1.001 PS soll inzwischen fast eine Milliarde Euro geschluckt haben. Der neue Golf hat eine völlig überkonstruierte Hinterachse, die kein Kunde braucht, aber hunderte Euro pro Auto kostet. Der Luxuswagen Phaeton ist ein Misserfolg, kostete aber Hunderte von Millionen Euro. Bei der Golf-Montage wurde eine neue Technik zum Zusammenfügen der Türen angeschafft, die aber nicht funktioniert und nun zu teurer Nacharbeit von Hand führt.

Mitentscheiden

Mit den hier versenkten Milliarden hätte der Konzern nach Ansicht der Betriebsräte locker weiter die guten Löhne zahlen können. Nun sollen die Arbeiter bluten für Fehlentscheidungen größenwahnsinniger Manager, so empfinden es viele in der Belegschaft. Nur: Gleich ob sie Recht haben oder nicht, die Milliarden sind weg. In Zukunft aber sollen sich solche Eskapaden nicht wiederholen, fordern manche Arbeitnehmervertreter. Sie wollen mitentscheiden.

Guter Abschluss scheut das Licht

Ein Wust von Arbeit also, den die Verhandler wegschaffen müssen. Wann sie das erledigt haben werden, ist völlig offen. "Schwierige Pakete zeichnen sich dadurch aus, dass man eine gewisse Zeitdauer braucht, um sie zu bearbeiten", sagt VW-Chefverhandler Senn. Klar ist nur, vor der Nacht wird es kein Ergebnis geben: "Ein guter Tarifabschluss scheut das Tageslicht", grinst IG-Metall-Mann Meine. (AP)