Berlin/Paris/Zürich/Rom/Madrid/Den Haag - Die Präsidentschaftswahl in den USA findet am Donnerstag in zahlreichen Kommentaren bzw. Leitarikeln Niederschlag:

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Frankfurter Allgemeine Zeitung

"Führt man die drei Hauptthemen des Wahlkampfes - die Besetzung des Iraks, den Krieg gegen den Terrorismus und die Entwicklung der Wirtschaft - jeweils auf ihren Kern zurück, erkennt man einen Kampf der Werte und der Weltentwürfe. Die einen fordern vor allem Freiheit, Sicherheit und unerschütterliche Festigkeit der moralischen Überzeugungen; die anderen streben nach Gerechtigkeit, Interessenausgleich im Inneren wie nach außen und Anpassung des Wertesystems an den gesellschaftlichen Wandel. (...) Sollte die Überhitzung der Herzen, zu welcher es in Wahlkampfzeiten unausweichlich kommt, nicht rasch der erfrischenden Kühle des Gedankens weichen, bestünde tatsächlich die Gefahr eines Kulturkampfes. (...) Es liegt in der besonderen Stellung des Präsidenten der Vereinigten Staaten, die inneren Spannungen und Spaltungen zu überwinden und für sich die Fortentwicklung der Gesellschaft einzusetzen. Der neue Präsident muß deshalb wahrhaft ein Einiger und kein Spalter sein."

Frankfurter Rundschau

"Nun hat Bush dank klarer Mehrheit der absoluten Stimmen jenes Mandat vom Volk, das ihm vor vier Jahren fehlte. Auch im Kongress haben die Republikaner ihre Mehrheiten nicht nur verteidigt, sondern ausgebaut. Damit hat der Präsident auch alle Zweifler in den eigenen Reihen widerlegt. Die Strategie, im harten Lagerwahlkampf die Entscheidung zu suchen, hat funktioniert. (...) Die Nation ist mehr kulturell als politisch gespalten; die Kandidaten Bush und Kerry haben diese Kluft verkörpert. Im ländlich-frommen Milieu ist es den Wählern wichtiger, mit Bush in den großen Gesellschaftsfragen übereinzustimmen als mit jedem Detail seiner Politik. Sein Wahlkampf war ganz auf diese Klientel angelegt. Am Ende dürfte sie den Ausschlag gegeben haben. Die Demokraten müssen sich nach der Niederlage fragen, wie sie die Vorherrschaft der Republikaner in diesem Milieu brechen können, wollen sie nicht Gefahr laufen, auf Dauer ihre Mehrheitsfähigkeit zu verlieren."

Stuttgarter Zeitung

"Die USA befinden sich mitten in einem Kulturkampf. Das liberale, weltoffene Amerika sieht sich von dem anderen Amerika bedroht, in dem missionarische Eiferer nach außen Krieg führen und nach innen einen reaktionären gesellschaftspolitischen Kurs steuern. (...) Die Demokraten freilich haben ihre Niederlage und die Chance auf einen Neuanfang Amerikas selbst verspielt. Sie hatten eine hervorragende Ausgangslage. Millionen von Arbeitsplätzen sind in den Bush-Jahren verschwunden. Das irakische Desaster liegt offen zu Tage. Warum ist es dennoch nicht gelungen, George W. Bush aus dem Amt zu jagen? Es gibt zwei Gründe: Zum einen war John Kerry - wie vor vier Jahren Al Gore - zu weit weg von den Menschen, zu aristokratisch-blutleer. Und zu oft auch hat er seine Meinungen gewechselt. Zum anderen wollen die Wähler zumal im Mittleren Westen und im Süden offensichtlich einen Präsidenten, der entschlossen handelt, auch wenn seine Entscheidungen falsch sind. Die Angst vor dem Terror hat Bush genutzt."

Süddeutsche Zeitung

"Bush hat bei einer gewaltig gestiegenen Beteiligung die Mehrheit der Amerikaner hinter sich versammelt. Die US-Bürger unterstützen seinen Kurs und teilen nicht die Wahrnehmung einer Mehrheit in der übrigen Welt, wonach Bush schädlich sei für Amerika. Die Außenpolitik des Landes in schwerer See, ein illegitimer Krieg im Irak mit ungewissem Ausgang, eine exorbitante Staatsverschuldung und ein rasanter Verlust an Arbeitsplätzen - und George Bush hat dennoch das Vertrauen der Mehrheit, weil diese Mehrheit seine Geradlinigkeit und Härte schätzt. Amerika entscheidet aus seiner inneren Befindlichkeit heraus und ist unempfänglich für den Blick von außen. Das Herz Amerikas - auf der Wahlkarte republikanisch rot eingefärbt -, dieses Herz verlangt nach Stärke und einfachen Formeln. Schwierige Probleme müssen simpel gelöst werden. Bushs Wähler sehen die Welt nicht in ein Geflecht aus Abhängigkeiten und in einen Wust von Problemen verstrickt - sie sehen Amerika als Führungsnation, die gestalten muss."

taz, Berlin

"Jenseits des Atlantiks werden viele nach dem deutlichen Wahlsieg Bushs den Glauben an die Urteilskraft der Amerikaner verlieren. Sie werden sich fassungslos fragen, wie es sein kann, dass ein Wahrheitsverdreher erster Güte, ein autoritärer, religiöser und starrsinniger Präsident, der einen unnötigen Krieg vom Zaun bricht, unfähig ist, Fehler einzugestehen, von seinem Volk eine zweite Amtszeit geradezu geschenkt bekommt. Der Fairness halber muss gesagt werden, dass rund die Hälfte der Amerikaner dies auch so empfindet. Die andere Hälfte schwört halt auf ihren Bush. (...) Demgegenüber konnte John Kerry die Wähler nicht von seinen eigenen Qualitäten überzeugen. Wenn die Mehrheit der Bevölkerung den Irakkrieg für falsch hält, das Land in die falsche Richtung driften sieht und der Wirtschaftssituation die Note 'mangelhaft' gibt und Kerry daraus kein politisches Kapital schlagen kann, dann hat er den Sessel im Weißen Haus nicht verdient. - Sorry, auch wenn man sich einen Sieg der Demokraten sehnlichst gewünscht hat."

Financial Times Deutschland

"Für die demokratische Partei ist der Wahlausgang der schlimmstmögliche. Sie erreichte mit dem besten Kandidaten das schlechteste Ergebnis seit der Wiederwahl Ronald Reagans. Kerry gelang es nicht, einen vielfach gescheiterten republikanischen Präsidenten aus dem Amt zu drängen. Woher sollen künftige Siege kommen? (...) Das größte Problem der Demokraten dürfte aber ein Erfolg sein, den die Partei diesmal erzielte. Bislang ist sie immer davon ausgegangen, dass die schweigende Mehrheit in den USA demokratisch ist. Eine hohe Wahlbeteiligung hat ihnen immer zusätzliche Prozentpunkte gebracht. Darum haben die Demokraten in den vergangenen Wochen so viele Freiwillige wie noch nie in den Wahlkampf geschickt, um Bürger als Wähler zu registrieren. Am Dienstag zeigten die Schlangen vor den Wahllokalen die höchste Wahlbeteiligung seit 40 Jahren an. Doch Bush siegte mit einem Vorsprung von rund vier Millionen Stimmen. Dieses Ergebnis muss die Demokraten tief verunsichern."

Neue Zürcher Zeitung

"Bush hat einmal mehr davon profitiert, dass er unterschätzt wurde. Dabei ist er der erste gewählte Präsident seit dem Jahr 1988 - als sein Vater Michael Dukakis bezwang -, der mehr als die Hälfte der abgegebenen Stimmen gewann. Und dies bei einer offenbar hohen Stimmbeteiligung, die an jene des Jahres 1960 heranreichen könnte. Vorher war immer verkündet worden, eine starke Mobilisierung der Wähler begünstige die Demokraten. Die Wahlen zeigten das Gegenteil. Wer mobilisiert, muss damit rechnen, dass auch der Gegner das tut. In absoluten Zahlen hat kein Präsident, auch nicht Reagan im Jahr 1984, mehr Stimmen gewinnen können. Das Gerede von der gespaltenen Nation, besonders beliebt im wiedervereinigten, doch kaum einigen Deutschland, wird sich bald als leere Floskel entpuppen. Es waren schließlich nicht nur religiöse Hinterwäldler aus dem Mittleren Westen, die für Bush gestimmt haben."

Tages-Anzeiger, Zürich

"George W. Bush hat diesmal die amerikanische Präsidentschaftswahl klar und eindeutig für sich entschieden. Mit ihm gewinnt auch die republikanische Partei, der es vorgestern gelang, ihre Mehrheiten im amerikanischen Kongress auszubauen. Damit bewegen sich die Vereinigten Staaten einen Schritt mehr auf eine Einparteienherrschaft zu, wie sie nicht einmal zur Glanzzeit des amerikanischen Liberalismus und der Demokratischen Partei Mitte der Sechzigerjahre zu verzeichnen war. ... Umdenken müssen aber auch Amerikas Demokraten: Jenen Wählern, die sich vorgestern an den Urnen für den Präsidenten entschieden, hatten sie nichts zu bieten. Denn Jesus und die Wiedereinführung des Schulgebets scheinen im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts ungleich wichtiger zu sein als etwa eine Krankenversicherung."

Le Figaro

"Nach seiner Wiederwahl braucht sich der Präsident nun keine Sorgen mehr um seinen Platz in der Geschichte machen. Das beeinflusst auch seine Entwicklung: Anfänglich sehr politisch, wurde er zuletzt versöhnlicher. Diese Tendenz muss man bei Bush fördern. Denn auch im Ausland bietet eine US-Wahl jedem die Chance, die Beziehungen zu den USA auf eine neue Basis zu stellen. Seit gestern ist George W. Bush nicht mehr der schlecht gewählte Präsident, der sich beweisen musste. Für die vier kommenden Jahre ist er an der Spitze der einzigen Supermacht komfortabel installiert. Es wäre an der Zeit, dies zur Kenntnis zu nehmen und eine neue Phase unserer Beziehungen zu den USA einzuleiten."

Le Monde

"Das Präsidentenamt der einzigen Weltmacht ist in den Händen von Wahl-Auszählern im Bundesstaat Ohio, und möglicherweise auch in Händen von Gerichten, falls es Anfechtungen des Wahlergebnisses gibt. Möglicherweise könnte auch wie im Jahr 2000 der Oberste Gerichtshof ins Spiel gebracht werden. Was für ein Bild gibt diese Demokratie ab, die sich der Welt als beispielhaft präsentiert, mit Wählern, die bis spät in die Nacht abstimmen, mit fehlerhaften Maschinen und endlosen Auszählungen! Eine solche Unordnung ist in den meisten Demokratien unvorstellbar und gereicht den USA nicht zur Ehre. Es ist Besorgnis erregend, dass das Schicksal der Welt an solch einem vorsintflutlichen System hängt."

Liberation, Paris

"Die Republikaner kontrollieren nun alle Macht. Bisher beherrschte und prägte eine 'liberale' Mehrheit, die sich nach der Depression um den damaligen Präsidenten Roosevelt gebildet hatte, dauerhaft die amerikanische Gesellschaft. Nun hat eine um Bush versammelte, neue reaktionäre Mehrheit, die sich als Reaktion auf einen Kriegszustand rechtfertigt, die Demokratie in Amerika in ihren Griff genommen. Der Rest der Welt mag dies bedauern, aber er wird sich dieser Realität anpassen müssen."

La Repubblica

"Das Amerika, das er vor etwa vier Jahren als Leihgabe erhalten hatte, gehört ihm jetzt ganz, wie eine Gabe des Himmels und weil die Nation es so gewollt hat. Er hat gebetet, damit er - wie er uns gestern in seiner ersten Rede gesagt hat - 'eine Macht erhält, die seiner Aufgabe entspricht', und die hat er bekommen. Jetzt wird er niemanden mehr haben, dem er seine Misserfolge vorwerfen kann und auch keinen Vater, dem er für seine Siege danken muss. Das erste Mal im Weißen Haus war ein freundliches Geschenk des Bush-Clans. Das zweite Mal gehört ihm ganz allein und der Sohn hat endlich den Vater überrundet. Seit elf Uhr des gestrigen Morgens, als John F. Kerry der Nation ein erneutes gerichtliches Melodram erspart hat und die Niederlage eingestanden hat, ist Bush endlich allein und erwachsen.

El Mundo

"Die Angst vor dem Terror und die Sehnsucht nach einer starken Führung waren in den USA stärker als der Wunsch nach einem Wandel. Die Mehrheit will einfache Antworten auf komplexe Fragen. Alles deutet darauf hin, dass die Falken in der Umgebung von US-Präsident George W. Bush den Wahlausgang nun als Ansporn verstehen. Im Irak-Desaster wird Bush so weitermachen wie bisher - mit dem zusätzlichen Risiko eines neuen Präventivkriegs gegen ein anderes Land. Die Spannungen zwischen den USA und der arabischen Welt werden zunehmen. Auf diese Weise haben die US-Wähler paradoxerweise dem von Osama bin Laden angeführten radikalen Islamismus Hilfe geleistet."

De Volkskrant

"Die Demokraten haben bei wichtigen Wählergruppen stark an Vertrauen eingebüßt, bei weißen Männern, Katholiken und Einwohnern der südlichen Staaten. Landesweit wurden diese Nachteile nicht durch Unterstützung aus Minderheitsgruppierungen ausgeglichen. Das bedeutet, dass die Republikaner auch mit einem mittelmäßigen Kandidaten gewinnen konnten, mit George W. Bush. Die Demokraten hätten schon einen Spitzenkandidaten vom Schlag eines Bill Clinton präsentieren müssen. (...) Wird sich Bush in seiner zweiten Amtszeit als die verbindende Persönlichkeit erwiesen, die er nach eigener Aussage sein will? Die Antwort auf die Frage ist in erster Linie wichtig für die Amerikaner, aber dann auch für Länder, die sich eng mit den USA verbunden fühlen."

De Telegraaf

"Die Welt muss sich auf weitere vier Jahre Bush einstellen, auch wenn sie lieber Kerry erlebt hätte. Es bleibt zu hoffen, dass mit einem neuen Start auch das Verhältnis zwischen den USA und Europa verbessert werden kann. Das erfordert von der alten Welt mehr Bescheidenheit und auch die Erkenntnis, dass Amerika nach den Anschlägen vom 11. September das Recht und die Pflicht hat, sich zur eigenen Sicherheit gegen den Terror zu schützen. Andererseits wird Bush erkennen müssen, dass er nicht alleine die Welt sicherer machen kann. Die Parole muss 'Zusammenarbeit' lauten. Europa und die USA teilen genug gemeinsame Wertvorstellungen, um dies zu ermöglichen."

The New York Times

"Er hat am Dienstagabend einen soliden Wahlsieg errungen. Doch das Land bleibt natürlich gespalten. (...) Die 49 Prozent der Wähler die einen Regierungswechsel wollten, sind enttäuscht und sehen mit Sorge in die Zukunft. Ihre erste Aufgabe ist es, den Willen der Mehrheit zu akzeptieren. (...) Bush kann nun entweder in den nächsten Jahren so weitermachen wie bisher oder sein Augenmerk auf die Suche nach seinem Platz in den Geschichtsbüchern richten. Seine Rede gestern gab zumindest ein wenig Grund zu der Hoffnung, dass er diesen letzteren höheren Pfad verfolgen will. 'Eine neue Amtszeit ist eine neue Chance, dem ganzen Land die Hand zu reichen', sagte er an die Adresse der Kerry-Wähler. Doch die Erfahrung zeigt, dass solcher Sinneswandel oft von kurzer Dauer ist."

Washington Post

"Bush hat gestern zu Recht die Notwendigkeit unterstrichen, dass er die Unterstützung aller Amerikaner braucht. Wir hätten es jedoch gerne gehört, wenn Bush auch über die eigene Nation hinaus geblickt hätte. Er sieht sich nicht nur daheim einem gespaltenen Land gegenüber, sondern einer Welt, in der zahlreiche führende Politiker sowie auch die Bevölkerungen in zahlreichen anderen demokratischen Ländern Stimmung für seine Niederlage gemacht haben.

Eine neue Amtszeit gibt ihm die Chance, den Verbündeten zu zeigen, dass er bereit ist, ihre Ansichten zu Themen wie Klimawandel und der Verbreitung von Atomwaffen zu berücksichtigen. (...) Respekt für die Weltmeinung könnte Bush bei der Verfolgung seiner Ziel in Nahost und auch anderswo zu Gute kommen. Und es ist auch noch nicht zu spät dafür, die führenden Beamten, die die Genfer Konvention außer Acht gelassen haben und so überhaupt erst den den Misshandlungsskandal von Gefangenen im Irak herbeigeführt haben, zur Verantwortung zu ziehen."

The Daily Telegraph

"Am Ende war es gar nicht knapp. George W. Bush ist für die radikalste Präsidentschaft der modernen Zeit klar bestätigt worden. Der Triumph seines churchillianischen Konservatismus wird alle Feinde Amerikas und des Westens beängstigen. Er beweist, dass die Führer im Anti-Terror-Krieg, zumindest in den englischsprachigen Nationen, genug Unterstützung haben, um ihre Aufgabe fortzuführen.

Die Amerikaner haben ein für allemal gezeigt, dass keine Macht der Erde eine freie Nation einschüchtern kann. Das Ergebnis sollte ein Weckruf für jene europäischen Staaten - an erster Stelle Deutschland und Frankreich - sein, die nicht nur bei der Befreiung, sondern auch beim Wiederaufbau des Iraks abseits gestanden haben."

The Independent

"Es gibt einige Lichtblicke. Bushs Sieg könnte die Europäer dazu bewegen, sich auf ihre eigenen Interessen zu besinnen und geeinter aufzutreten. Der große Verlierer dabei wäre dann (Tony) Blair, der sich einmal mehr zwischen Amerika und Europa entscheiden müsste. Zunächst aber sind einmal die Demokraten die Verlierer. John Kerry war kein idealer Kandidat. Seine Fähigkeiten als Kommunikator waren für das Fernsehzeitalter und das Verlangen vieler Amerikaner nach einfachen Wahrheiten kaum geeignet.

Es ist traurig und bezeichend sowohl für Kerrys Wahlkampf wie auch für die amerikanische Wählerschaft, dass Bush für seine schlimmen Fehler nicht zur Rechenschaft gezogen worden ist. Nicht nur Amerika, auch der Rest der Welt muss jetzt mit den Konsequenzen leben." (APA)