Seit dem Mord an Theo van Gogh Dienstagvormittag herrscht in den Niederlanden eine von Bestürzung, Verwirrung und Entschlossenheit gleichermaßen geprägte Atmosphäre: In Amsterdam kamen am selben Abend annähernd 20.000 Menschen zusammen, um mit einem Lärmkonzert des Filmemachers zu gedenken und das Recht auf Meinungsfreiheit zu feiern.

Mittwochabend wurden in der Causa acht Personen festgenommen, seit Donnerstag werden mögliche Verbindungen des mutmaßlichen Attentäters, Mohammed B., mit Al- Kaida untersucht. Eine intensive öffentliche Debatte über die Arbeitsweise und Funktionstüchtigkeit der Geheim- und Sicherheitsdienste hat begonnen. Die Stadt Rotterdam etwa hat eine Telefonnummer eingerichtet, um Bürgern 24 Stunden pro Tag die Gelegenheit zu geben, Meinungen zu äußern.

Die circa 300.000 Mitglieder zählende marokkanische Gemeinschaft (Mohammed B. ist marokkanischer und niederländischer Staatsbürger) steht unter dem Druck, sich abgrenzen zu müssen. In einer Umfrage des Fernsehsenders RTL4 haben 80 Prozent der Befragten der Aussage "Die Niederlande sind viel zu tolerant" zugestimmt. Theo van Gogh war ein Freigeist, ein Querdenker, der es liebte zu provozieren – ob mit Filmen, in Kolumnen oder auf seiner Website "Der gesunde Raucher". Van Gogh brach Tabus: Von Frauenhass bis Antisemitismus reichten die Vorwürfe.

Filmthema: "Frauenmisshandlungen in islamischen Familien"

Er war eine Person öffentlichen Interesses und nahm gewissermaßen die Rolle eines Intellektuellen wahr, jedoch in spezifisch niederländischer Prägung: mit Leidenschaft und Arroganz, nicht von links argumentierend, sondern von dort, wo einmal rechts war.

Wie der 2002 bei einem Attentat getötete Politiker Pim Fortuyn, gehörte auch van Gogh zu einer rechtsliberalen Avantgarde, deren Kritik und Zorn sich gegen das politische Establishment und vor allem gegen die multikulturelle Gesellschaft richtete. Er bezeichnete radikale Muslime als "Geitenneuker ("Ziegenficker") und drehte im Sommer gemeinsam mit Ayaan Hirsi Ali, in Somalia geborene Parlamentarierin der rechtsliberalen VVD, einen Film: Submission, part 1.

Mit diesem Film wollten die beiden auf Frauenmisshandlungen in islamischen Familien aufmerksam machen, eine Praxis, die Hirsi Ali zufolge mit den Texten des Koran gerechtfertigt würde. Sie zeigten eine Frau in einem langen durchsichtigen Schleier, auf deren nackte Haut diese Texte geschrieben waren.

Abgelehnter Schutz

Nachdem der Film im Fernsehen ausgestrahlt worden war, erhielten sowohl Hirsi Ali als auch van Gogh Drohbriefe. Hirsi Ali wurde unter Personenschutz gestellt – van Gogh hatte Schutz für sich abgelehnt. Die Aufrufe, im Gespräch zu bleiben und das Gut der Meinungsfreiheit hochzuhalten, wirken nicht nur angesichts der Tatsache, dass eine Reihe weiterer Intellektueller bedroht wurden, etwas hilflos.

Das Verständnis für Begriffe wie Toleranz und Freiheit scheint seit Längerem in einer Krise: Für die niederländische Gesellschaft, die zum Teil auf konfessionellen Institutionen fußt, bedeutet das Eingeständnis, dass Freiheiten und Strukturen auch missbraucht werden und daher in sie eingegriffen werden muss, die Infragestellung demokratischer Rechte – also des Selbstverständnisses. (DER STANDARD, Printausgabe, 05. 11. 2004)