Nachdem in Paris schon mehrere Renommieradressen das Handtuch geworfen haben, kündigt nun auch der jüngere Stardesigner Jean-Paul Gaultier einen Sozialplan an.


Bei seiner letzten Sommerkollektion drapierte Gaultier seine weiblichen Modelle noch mit mittelalterlichen Kniestiefeln, Panzerhemden und Rittermänteln. Jetzt braucht der 52-jährige Modezeichner selbst einen guten Schutzschild – gegen seine Gläubiger. Sein Unternehmen ist in die roten Zahlen gesackt und steckt nach eigenen Angaben in einer Krise. Wie tief, will die Direktion nicht sagen; bei einem Umsatz von 570 Mio. Euro (2003) spricht das Unternehmen nur diskret von einem "Defizit".

Am Mittwoch musste Gaultier einen drastischen Spar- und Sozialplan bekannt geben. Das Unternehmen werde von Grund auf restrukturiert und solle in einem Jahr wieder in die Gewinnzone zu gelangen, heißt es in einem Communiqué. Begründet wird der Schritt mit der "internationalen Krise, die viele Haute-Couture-Häuser getroffen hat".

Zu forsch expandiert

Laut Eingeweihten verlangt vor allem der Luxusgüterproduzent Hermès, der an Gaultier 35 Prozent der Anteile hält, eine Kurskorrektur. Gaultier (157 Angestellte) hatte in den letzten Jahren allzu forsch expandiert: Seit 2001 eröffnete das Unternehmen weltweit 13 neue Boutiquen und tat sich mit der japanischen Kosmetikherstellerin Sisheido zusammen.

Jetzt muss der turbulente Couturier mit dem Matrosenhemd als Markenzeichen den Rückwärtsgang einlegen. Obwohl Gaultier dementiert, steht nach Branchenexperten als erstes die Sparte Haute Couture zur Debatte. Würde sie aufgegeben, würde eine weitere der heute noch acht Haute-Couture-Marken wegfallen. Der Aderlass dauert seit Jahren. 1999 hatte dieser exklusive Club der Pariser Modeschöpfer noch achtzehn Mitglieder gezählt.

Mit Yves Saint Laurent stieg 2002 die wichtigste Marke aus. Andere wie etwa Ungaro oder Versace sind seither gefolgt oder wollen wie Hanae Mori folgen. Wieder andere wie Balmain oder Givenchy können aus internen, meist finanziellen Problemen nicht mehr mithalten und verzichten auf die Teilnahme an den Modeschauen für die Sommer- und Winterkollektionen. Damit verlieren sie aber ihr Label als "Haute Couture". Es setzt eine Pariser Adresse sowie eine Mindestzahl an (zwanzig) Näherinnen und Défilés voraus.

Weil diese Vorgaben immer schwerer zu erfüllen sind, macht der französische Modeverband großzügig Ausnahmen und lädt auch jüngere oder weniger "betuchte" Namen wie Valentino ein. Sie sollen bei den Haute-Couture-Umzügen im Januar und Juli wenigstens die Lücken füllen, welche die letzten Mohikaner der Haute Couture wie Dior, Chanel, Gaultier, Lacroix, Scherrer, Sirop, Hanae Mori oder Torrente nicht mehr zu füllen vermögen. Der Fall Gaultier ist symptomatisch für die Entwicklung des ganzen Zweigs: Zu klein, um wirtschaftlich auf eigenen Füssen zu stehen, müssen sich selbst die talentiertesten der Pariser Couturiers an Großunternehmen oder – im Fall von Dior – gar an internationale Luxuskonzerne wie LVMH lehnen.

Diese pochen auf die unmittelbare Rentabilität, was im Bereich der Haute Couture ein fast unmögliches Unterfangen ist. Die sündhaft teuren Elitekreationen für ein paar ausgewählte Kundinnen brachten noch nie direkt Geld ein; vielmehr wirkten sie als Aushängeschild und Werbemagnet für die Modebranche in ganz Frankreich. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.11.2004)