Stuttgart/Frankfurt/Hamburg - Die Nachfolge des schwer kranken Palästinenserchefs Yassir Arafat ist am Freitag Thema vieler Kommentare und Leitartikel:

Stuttgarter Zeitung

(Stuttgart):

"Schon dutzende Male ist Jassir Arafat totgesagt worden. Doch immer wieder ist er gestärkt auf die politische Bühne zurückgekehrt - was letztlich wesentlich zur Gründung des Mythos Arafat beigetragen hat. Ihr Präsident, der Rais, sei wie das palästinensische Volk, sagen seine Anhänger: unbezwingbar. Am Ende scheint Jassir Arafat in gewisser Weise selbst an seine Unsterblichkeit - und an seine Unersetzlichkeit - geglaubt zu haben.

Denn während seiner gesamten Zeit als PLO-Führer hat er nicht daran gedacht, seine Nachfolge zu regeln. Das ist ein Versäumnis, das sich nun bitter rächen wird. (...) Noch versuchen seine Vertrauten mit absonderlichen Stellungnahmen und halbherzigen Versicherungen, den wirklichen Gesundheitszustand des Patienten zu verschleiern. Doch in Ramallah, dem zerstörten Hauptquartier des Präsidenten, sind bereits die Führungsmitglieder der Fatah-Bewegung und der PLO zu einer Krisensitzung zusammengekommen, um über das weitere Vorgehen zu sprechen. (...) Die Wahrheit aber ist: keiner dieser Männer aus der zweiten Reihe besitzt die Statur, Arafat zu beerben."

Frankfurter Rundschau

(Frankfurt/Main):

"Vor allem Israel ist in diesem historischen Moment gefordert, seiner Verantwortung gerecht zu werden. Nun kommt die Stunde der Wahrheit, ob das Dauerargument der israelischen Regierung, es fehle mit Arafat der politische Partner, nur vorgeschoben war. Bislang hatte Premier Ariel Scharon seine Politik damit erklärt, dass es mit "Arafat als Teil des Problems" keinen ernsthaften Verhandlungspartner gebe. (...) Nach Arafat wird diese Argumentation in sich zusammenfallen und Scharon wird bald unter Druck stehen, wieder Gespräche mit den Palästinensern zu beginnen. (...) Alle Parteien stehen in der Pflicht, das kurze Zeitfenster neuer Chancen nicht zu beschädigen. Zwar ist Optimismus verfrüht, doch nach langer Zeit völliger Stagnation kommt wieder Bewegung im Nahost-Prozess. Zumindest gibt es die Hoffnung auf eine neue Ära."

Financial Times Deutschland

(Hamburg):

"Die Verantwortlichen der Autonomiebehörde und der PLO müssen endlich die Nachfolge klären. Es wird schwierig sein, die Lücke zu füllen, die Arafat bereits hinterlassen hat. Umso dringender brauchen die Palästinenser eine starke Führung, die ausreichend legitimiert ist - und das geht nur über Wahlen. Nur sie können einer neuen Regierung die nötige moralische Autorität verleihen. Die Legende Arafat wird zwar auf jedem Nachfolger schwer lasten. Sie muss ihn aber nicht erdrücken: Wahlen schaffen Legitimation. Das ist für die Gestaltung der Zukunft wichtiger als symbolische Heldenverehrung."

The Daily Telegraph

(London):

"Der kritische Zustand Jassir Arafats öffnet die Tür zu einer Wiederbelebung der Friedensgespräche zwischen Israel und den Palästinensern. Jedoch werden sich Fortschritte möglicherweise nicht so schnell einstellen, wie Tony Blair und Jack Straw sich dies wünschen. Sowohl der (britische) Premierminister als auch sein Außenminister reagierten auf den Wahltriumph von George W. Bush mit der Erklärung, dass die dringlichste politischer Herausforderung weltweit derzeit ist, die beiden Seiten wieder an einen Tisch zu bekommen. Das zur Geschäftsunfähigkeit führende Gebrechen des palästinensischen Führers wird die Hoffnung darauf bestärken."

De Morgen

(Brüssel):

"Der Brandherd im Nahen Osten steht am Beginn einer neuen Epoche, der nach Jassir Arafat. (...) Mit dem Verschwinden Arafats tritt der palästinensisch-israelische Konflikt jedenfalls in eine neue, höchst unsichere Phase. (...) Eine wichtige Frage dabei bleibt, welcher Politiker mit ausreichender Autorität Arafat nachfolgen kann und wird. Einen unumstrittenen Kronprinzen gibt es nicht, wenn auch eine handvoll Kandidaten. (...) Beobachter schließen nicht aus, dass das Machtvakuum nach dem Verschwinden Arafats zu noch größeren Spannungen in der Region führen kann. Ohne unumstrittenen Chef dürfte der Konflikt mit Israel weiter aufflackern und auch der interne Streit bei den Palästinensern losbrechen."

Basler Zeitung

(Basel):

"Jassir Arafat hat die nahöstliche Politik während Jahrzehnten geprägt. Zwei Leistungen zeichnen sein Lebenswerk aus: Erstens hat Arafat den Palästinensern, einem Volk von Flüchtlingen, eine einigende nationale Identität verliehen und ihre Forderung nach Selbstbestimmung auf die Agenda der Weltpolitik gesetzt. Zweitens brachte er die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) 1988 dazu, das Existenzrecht von Israel in den Grenzen von 1948-67 zu anerkennen. (...) Als der PLO-Chef auch Autonomiepräsident wurde, traten menschliche und politische Schwächen hervor. Er unterließ es, als glaubwürdiger Partner das Vertrauen der israelischen Gesellschaft zu gewinnen. (...) Ohne Arafat wird die Demokratisierung längerfristig erleichtert. Doch das entstandene Machtvafkuum bedroht nun den letzten Rest an öffentlicher Ordnung."

"24 Tschassa" (Sofia):

"Sollte Jassir Arafat es gewollt haben, auch mit seinem Tod Israel maximal zu schädigen, hat er es bereits mehr als geschafft. Von allen Möglichkeiten, wie der Palästinenserführer diese Welt verlassen soll, wird die ungünstigste Wirklichkeit - eine schwere und lange Krankheit. In der Praxis kann der Präsident der Palästinensichen Autonomiebehörde nicht mehr regieren. Das Ende von Arafat würde zudem einen Bürgerkrieg in den Palästinensergebieten bedeuten. Und je länger er krank ist, desto mehr Mitgefühl weckt er. Und desto mehr Vorwürfe werden gegen Israel erhoben."

Le Figaro

(Paris):

"Eine der großen Figuren der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geht von uns. Man erweist ihm mit einer Würdigung nicht zu viel Ehre. Man muss jedoch anerkennen, dass Jassir Arafat dafür gesorgt hat, die Regelung der Frage der Palästinenser untrennbar mit der Zukunft des Friedens in der Welt zu verbinden. Doch hat er selbst diesen Frieden wirklich gewollt? Der ehemalige Terrorist, der gewählter Präsident der Palästinenserbehörde geworden ist, war sein Leben lang ein Experte des doppelten Spiels. Er war so unberechenbar, dass es schwierig war zu wissen, ob er immer im Interesse seines Volkes oder in seinem eigenen Interesses gehandelt hat."

Liberation, Paris

:

"Wenn nicht noch ein Wunder passiert, wird Palästina um (Palästinenserpräsident Jassir) Arafat trauern müssen. Sein Tod leitet für die Palästinenser und den Nahen Osten eine gefährliche Phase ein. Das Gedenken an Arafat wird seinen Tod überdauern und könnte die Geburt eines neuen arabischen Mythos bedeuten. Doch die unmittelbare und brennendste Frage ist, ob Palästina Arafat überleben wird. Werden die Waisen Arafats sich auf andere Weise als durch sein Symbol einigen können? Israel freut sich über das Ende der Ära Arafat. Zu Unrecht, wenn dieses Ende die Palästinenser in Brüderkämpfe stürzt, die die Hoffnung auf den so nötigen Frieden in noch weitere Ferne drängen würde."

La Repubblica

(Rom):

"Der Abtritt aus dem politischen Rampenlicht von Jassir Arafat öffnet eine große Lücke im Nahen Osten: Er öffnet einen Raum, in dem Möglichkeiten für eine Wiederaufnahme des Dialogs reifen, aber auch neue Zyklen der Gewalt losbrechen können. Und diese könnten noch tragischer sein als das, was schon jetzt jeden Tag ein Land mit Blut befleckt, das zu heilig ist, um friedlich zu sein. Der Palästinenser- Präsident, der scheinbar in irreversiblem Koma in einem Pariser Krankenhaus liegt, war ein Hindernis für jeden echten Waffenstillstand und war gleichzeitig ein mäßigendes Element. Eine dramatische Zweideutigkeit, die zwar dafür bestimmt war, sich aufzulösen, aber mit völlig unsicheren Auswirkungen. (...) Arafat war zu lange Mittelpunkt des Dramas. In den vergangenen 40 Jahren war er ein kluger Politiker; ein mutiger und schlauer Revolutionär; ein Terroristenführer; ein Mann, der für die Verhandlungen, die er führte, des Friedensnobelpreises würdig waren; aber auch ein Verhandlungsführer (...), der unfähig war, durch großzügige Gesten günstige Momente zu ergreifen; und er war auch ein autoritärer Chef, der nicht bestechlich sondern bestechend war. Viele, zu viele verschiedene Rollen, die am Ende sein Image ruiniert haben." (red/APA)