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Mit der Ersetzung sozialer Anliegen durch kulturkämpferischen Ärger hätten Amerikas Konservative ein Patentrezept gefunden, meint Thomas Frank. Susan Chamberlan, Vizedirektorin an einem Think-Tank in Washington, sieht hingegen eine Krise der Demokraten.

Foto: AP Photo/Pablo Martinez Monsivais
In der Diagnose ist man sich einig, über die Ursachen nicht: Viele einkommensschwache Amerikaner haben für George W. Bush gestimmt, wo doch laut gängiger Ansicht ihre ökonomischen Interessen bei den Demokraten viel besser vertreten sein müssten.

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Washington/Wien – Warum haben bei diesen Wahlen viele ärmere US-Bürger für dem republikanischen Amtsinhaber und nicht für dessen demokratischen Herausforderer John Kerry gestimmt, der sich in seinem Programm weit stärker für sozialen Ausgleich einsetzt?

Für Susan Chamberlan hat das Phänomen viele Gründe. Der wichtigste seien einfach die schlechteren wirtschaftspolitischen und gesellschaftspolitischen Rezepte der Demokraten. "Vielen Arbeitern ist bewusst, dass wir aus demografischen Gründen bei der Sozialversicherung mehr privatisieren müssen", meint die Vizedirektorin für Regierungsangelegenheiten am Cato Institute, einem Think-Tank in Washington, zum STANDARD. "Viele Arbeiter wollen private Sozialversicherungskonten, aber die Demokraten können nicht über ihren ideologischen Schatten springen und blocken ständig ab."

Moralische Werte

Zweiter Punkt für Chamberlan sind die in den letzten Tagen und Wochen viel beschworenen moralischen Werte. Mehrere neue republikanische Senatoren vertreten übrigens diese Werte sehr ausgeprägt: Jim DeMint aus South Carolina hätte gerne, dass Homosexuelle und unverheiratete Mütter nicht an öffentlichen Schulen unterrichten dürfen, sein Kollege Tom Coburn aus Oklahoma will die Todesstrafe für Leute, die Abtreibungen ausführen.

Schwacher Kandidat

Drittens, so Chamberlan, sei Kerry ein schwacher Kandidat gewesen, von dem niemand wusste, wofür er stand: "Schauen Sie doch seine Position zum Irak an: Das Einzige, das ihm dazu eigenfallen ist, ist, dass man das Training für die irakischen Sicherheitskräfte intensivieren sollte. Das ist doch kein Plan."

Anders sieht der Journalist und Autor Thomas Frank, der momentan als Dauergast in diversen Talkshows auftritt, das Phänomen der Bush-wählenden Blue-Collar-Amerikaner.

Wut gegen Liberale

In seinem Buch "What's the matter with Kansas?", das viele Liberale für die beste politische Analyse der jüngsten Zeit halten, untersucht Frank am Beispiel seines Heimatstaates Kansas, wie die Konservativen "das Herz von Amerika erobert haben": Indem sie systematisch die Wut gegen eine vermeintlich übermächtige, dekadente Kaste von Liberalen (vor allem die "Medienelite") schürten, haben sie den Boden für ein Denken bereitet, in dem die Frustration und der Zorn über die eigene Lebenssituation ständig in die falsche Richtung abgeleitet werden.

Millionäre geradezu links

In Kansas, meint Frank, seien Immobilien- und Telekom- millionäre in ihren Ansichten heute geradezu links im Vergleich zu dem, was die verelendeten Arbeiter und Farmer so denken. Erstaunlicherweise sei gerade den Unterprivilegierten "Arbeitslosigkeit ebenso gleichgültig wie ein perspektivenloses Leben oder ein Boss, der fünfhundertmal so viel verdient wie sie.

In den Bundesstaaten des "roten" Amerika wird erwartet, dass sich Arbeiter und ihre Bosse im gemeinsamen Ekel über diese affektierten Collegeboys zusammenfinden, die über französischen Käse und Villen in der Toskana reden." Mit der Ersetzung sozialer Anliegen durch kulturkämpferischen Ärger hätten Amerikas Konservative ein Patentrezept gefunden, mit dem sie von einem Erfolg zum anderen eilen.

"Demokraten selber schuld"

Kann sich Susan Chamberlan mit einer solchen Theorie anfreunden? Die Antwort fällt lapidar aus: "Nein." Und sie beharrt darauf: "Es sind die Demokraten, die selber an ihrer Situation schuld sind. Und wenn sie aus dieser Situation herauskommen wollen, werden sie umdenken und wieder mehr auf die Menschen hören müssen." (DER STANDARD, Printausgabe 5./6.11.2004)