Wien - Die Entwicklung des Dow-Jones-Index in den Tagen nach dem US-Wahlentscheid passt in das historische Bild: Hat ein (republikanischer) Amtsinhaber erneut gewonnen, dann geht es aufwärts. Unmittelbar haben zwar jene Branchen, die John Kerry fürchteten - Energie, Pharma, Rüstung, Öl - Kursgewinne verbucht, der weitere Aufwärtstrend der US-Börsen war aber in der Vorwoche vom Rückgang der Ölpreise, einer gewissen Beruhigung an den Rohstoffmärkten nach der Leitzinsanhebung in China und besseren US-Jobdaten ausgelöst worden.

Gleichzeitig rückten die fundamentalen Themen wie die Abwärtstendenz beim Dollar, steigender Kostendruck auf US-Unternehmen wegen nachlassender Produktivität und das nachlassende Gewinnmomentum in den Vordergrund. Trotz heuer satter Gewinnzuwächse von über 20 Prozent in den USA haben die Börsen kaum gewinnen können, und für 2005 liegen die Prognosen des Gewinnplus nur mehr zwischen acht und zehn Prozent bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (im S&P 500) von rund sechzehn.

Kein Kaufimpuls

"Das ist nicht teuer, aber das allein macht noch keinen Kaufimpuls aus", sagt etwa Andreas Morgenbesser, US-Fondsmanager der Volksbanken. Einhellig betrachten die Börsianer niedrigere und stabile Öl- und Rohstoffpreise als jenen Impuls, der die Aktienmärkte entfesseln könnte.

Morgenbesser ist tendenziell optimistisch, sieht wegen der besseren Verzinsung der Aktien im Vergleich zu den Anleihen und wegen der günstigeren Bewertung im kommenden Jahr Potenzial für die US-Börsen. Eine Jahresendrallye erwartet er sich aber nicht. Dafür gebe es derzeit keine Impulse. So auch Helmut Haidinger, US-Fondsmanager der Erste Sparinvest.

Berndt May, Österreich-Chef der US-Fondsgesellschaft JP Morgan Fleming, sieht zwar die großen US-Industrien mit Bush II erleichtert, begründet Skepsis an einer ordentlichen Jahresendrallye jedoch mit der Sorge um die US-Konsumenten, die wegen hoher Überschuldung, matter Jobsituation und hoher Energiekosten beim Weihnachtsgeschäft heuer reserviert bleiben könnten. Dies vor der erwarteten Leitzinsanhebung in den USA auf zwei Prozent (ein Niveau wie in der Eurozone).

"Das Zinsdifferenzial am kurzen Ende ist für Europäer kein Argument für Investitionen in die USA, die Abwärtstendenz beim Dollar auch nicht", so Paul Severin, Bereichsleiter Aktien in der Capitalinvest zum Grund für Untergewichten von US-Aktien im Musterportfolio.

Robustes Wachstum

Das britische Haus Threadneedle rechnet vor allem im US-Konsumgüter-Bereich mit schrumpfenden Margen: "Die Unternehmen kämpfen damit, höhere Energiekosten an zunehmend preisbewusste Konsumenten weiterzugeben. Wir glauben, dass die jüngste Gewinnwarnung von Colgate erst die Spitze des Eisbergs war". "Wir glauben, dass US-Unternehmensgewinne in den kommenden Monaten Enttäuschungen bringen werden", schreiben die AXA-Investmentmanagers in ihrem aktuellen Update. Dies vor dem Hintergrund "fair" bewerteter Aktienpreise, so AXA. Andererseits, so die positiven Argumente, erscheine das US-Wirtschaftswachstum auch mit erwarteten drei Prozent 2005 als recht robust.

Zu den massiven Pessimisten gehört Thomas Kraus, Großkundenbetreuer der Invesco in Österreich: "Ich würde mir heuer nichts mehr erwarten, vor allem kein gutes US-Weihnachtsgeschäft."

Für Anleger in US-Aktienfonds dürfte das bedeuten, dass sie heuer je nach Produkt nach Kosten ein nicht so erfolgreiches Jahr wie 2003 verbuchen - also plus/minus null aussteigen. (Karin Bauer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.11.2004)