In vielen Bereichen ist Österreichs Gesundheitswesen nicht nur gut ausgestattet, sondern eindeutig überversorgt: Zwei, drei Dutzend Spitäler könnte man ohne großen Verlust an medizinischer Qualität einfach zusperren, rechnet man im Hauptverband der Sozialversicherungsträger.

Aber das ist leichter gesagt als getan. Wer ein gut ausgestattetes Krankenhaus in seiner Nähe hat, will es nicht verlieren. Wer ein solches Krankenhaus in seinem Einflussbereich hat, will diesen Einfluss erst recht nicht aufgeben. Die Länder-Reaktion auf die freiheitliche Festlegung, im Zuge des Finanzausgleichs keine weiteren Beitrags- und Gebührenerhöhungen in das ohnehin schon teure System zu pumpen, war daher absehbar: Die Länder stehen auf dem Standpunkt, dass sie mehr Geld brauchen - zumindest für eine Übergangszeit, bis die Gesundheitsreform zu greifen beginnt.

Das lässt den Verdacht aufkommen, dass die Reform nicht ganz so ernst genommen wird - vielleicht lässt sich ja da oder dort eine Schließung vermeiden, ein teures Großgerät erhalten oder ein Posten vergeben? Ob sich bei diesen Interessenlagen die Gesundheitsagentur mitsamt ihren Länderplattformen durchsetzen kann, muss sich erst erweisen.

Zu tun gäbe es viel - und zwar nicht nur mit dem Rotstift: Denn natürlich hat das Gesundheitswesen trotz der beschriebenen Überversorgung einige Lücken. Im ländlichen Raum, wo es teilweise nicht benötigte Spitäler gibt, fehlen gleichzeitig niedergelassene Fachärzte. Und auch in den Spitälern und Gesundheitsämtern muss man näher hinsehen: Vielfach müssen Ärzte dort unter Bedingungen arbeiten, die in anderen Branchen als unzumutbar gelten. Wenn die Reform greifen soll, müssen die Beteiligten den Mut zur Umverteilung aufbringen. (DER STANDARD, Printausgabe,8.11.2004)