Das Gezerre, die Geheimnistuerei, die Desinformation und Intransparenz rund um die Agonie von Yassir Arafat sind symptomatisch für die fatalen Schwächen dieses "Begründers der palästinensischen Nation" und der Palästinenser selbst.

Arafat war der "Vater der Nation", aber er hat keine moderne palästinensische Gesellschaft aufbauen können oder wollen. Modernität bedeutet in diesem Fall einerseits funktionierende staatliche oder quasistaatliche Strukturen, andererseits Offenheit innerhalb der Gesellschaft selbst.

Beides fehlt in dem Quasi-Staat auf dem Gebiet der "Palästinenser-Autonomie" in Gaza und Westjordanland, den sich Arafat vor etwa zehn Jahren erkämpft hatte.

Er hatte als nationaler Befreiungskämpfer begonnen – und als Terrorist, das wird jetzt allzu sehr in den Hintergrund gedrängt – und brachte es nach fast 40 Jahren bis zum Präsidenten eines Territoriums mit immerhin fast vier Millionen Einwohnern (1,4 Millionen in Gaza, fast zwei Millionen im Westjordanland).

Dieses Territorium war/ist von 250.000 israelischen Siedlern und der israelischen Armee besetzt, aber es war der Beginn einer Staatlichkeit. Was fehlte, waren Bildung, Ausbildung, funktionierende Infrastruktur, effiziente und halbwegs korruptionsfreie Verwaltung, kurzum: Modernisierung. Was noch viel mehr fehlte, war politische Freiheit.

Stattdessen ein vormodernes Gebilde mit einem Dutzend verschiedener Geheimdienste und Polizeikräfte, die hauptsächlich einander bekämpfen, mit atemberaubender Korruption und flächendeckender Inkompetenz.

Arafats Leistung war es, das palästinensische Volk, das schon fast aus dem Bewusstsein verschwunden war, wieder auf die Tagesordnung der unwilligen Weltgemeinschaft zu setzen.

Als er auf einem Bruchteil des einstigen Siedlungsgebietes (Westjordanland und Gaza machen 22 Prozent des einstigen britischen Mandats "Palästina" aus) seine "Autonomie" bekam, machte er statt des modernsten arabischen Staats eine traditionelle orientalische Autoritätsherrschaft daraus: Personenkult, Unterdrückung bürgerlicher Freiheiten, intransparente, byzantinische Machtverhältnisse, Korruption der Eliten, Selbstbesäufnis mit grandioser, aber unrealistischer Rhetorik, Mangel an Selbstkritik, Mangel an offener Debatte.

Die Israelis haben bis jetzt noch jede Auseinandersetzung mit den Arabern gewonnen, weil sie eine offene Gesellschaft sind (im Sinne Karl Poppers, aber auch im Sinne von "offen für Modernität"). Schon die Staatsgründung Israels 1948 war der Sieg der Moderne über eine provinzielle Feudalgesellschaft.

Das heißt nicht, dass den Palästinensern nicht gewaltiges Unrecht geschehen wäre und weiterhin geschieht. Aber sie haben ihr Heil viel zu sehr in (blutigen) Phantasmen gesucht.

Am Sterbebett von Arafat drängen sich die Sykophanten, die Scharlatane, die Realitätsverleugner ("Er ist nicht klinisch tot, er wird wieder auferstehen"), natürlich die Beinahe-Witwe aus dem Luxusexil, die schon Verschwörungstheorien verbreitet.

Das "schwarze Büchlein" mit den Nummernkonten, das er immer bei sich trug, ist schon verschwunden. Die Mär, er sei vergiftet worden, geht schon um und wird von der "arabischen Straße" geglaubt werden.

Irrationalismus als Rezept für Rückständigkeit und Niederlagen. Arafats Defizite waren letztlich die der gesamten arabischen Welt. Vielleicht macht sein Tod zumindest unter den Palästinensern den Weg frei für politische Führer, die zum 21. Jahrhundert passen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.11.2004)