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Foto: APA/SCHLAGER

Wien - Es ist eine "Schule der Gemeinheit", die Manker und Zsmirgel in Franzobels Roman "Lusthaus" errichten. Nicht als Gebäude - sondern in Lektionen. Sei es, dass sie sich in Trauerkleidung vor Fabriken setzten, die zugesperrt werden sollten. Dort Trauermusik abspielten, leichenschmausten, sich zuprosteten.

Oder aber Manker und Zsmirgel marschierten ins Realgymnasium Gießhübl als "vom Sportministerium beauftragte Kommissare", um dort eine "Konsumentenolympiade" zu initiieren: Eine Flasche Schnaps vor dem 400-Meter-Lauf, Haschkeks für die Segler, LSD vor den Ring-, Judo-, und Boxkämpfen.

Es ist die "Lektion zwei" dieser "Schule der Gemeinheit", die mit besonderem Charme besticht. Die zwei marschierten zum Parlament, um eine Baustelle zu imitieren; sie hatten "speckige abgetragene Arbeitskleidung an, sonderbare Geräte umgeschnallt und machten einen aufgefettet offiziellen Eindruck".

Die Messgeräte waren alte Kofferradios, "das vorgebliche Bodenstrahlungsmessgerät war nichts anderes als ein dilettantisch auf eine Schaufel montierter Elektrogrill samt Fahrradpumpe und Dynamo. Sogar die Kartuschen waren bloß bemalte Wasserflaschen, die Kabelrolle ein umgelegter Gartentisch."

"Die Polizei ist grün"

Doch alle grüßen die "Arbeitssimulanten". Sogar vorbeikommende Polizisten bemerken den Schwindel nicht. "Die Polizei kennt nicht die Energie der Trägheit, aus der der Verbrecher seine Raubtierhaftigkeit bezieht. Die Polizei ist gutmütig und grün", schreibt Franzobel.

Tatsächlich gibt es derzeit U-förmig rund um's Parlament eine Baustelle. Eine gewaltige. Ein Besucherzentrum, eine Tiefgarage werden gebuddelt und betoniert. Schaut hochoffiziell aus. Vor allem die schicken Sperrwände mit integrierten Dreh-Dreh-Plakaten.

Dennoch. Wenn man etwas genauer hinsieht: Da hängt so ein handgekritzelter Schrieb, auf dem die "Forschungsgesellschaft Wiener Stadtarchäologie" mit krakeliger Schrift informiert - "Archäologische Voruntersuchungen im Zuge des Baus der Tiefgarage Schmerlingplatz". Auch dieser handschriftliche "AUSGANG"-Zettel gegenüber dem Ausgang Schmerlingplatz, der schaut so was von nicht koscher aus.

Dieses zackig ausgeschnittene Guckloch in einer Absperrung. Und dann noch diese kleine Vorbaustelle, diese Karikatur einer Absperrung vor der großen Sperrwand. Gewiss, der Gehsteig ist hier ziemlich zernepft - doch diesen zittrig besprayten Latten lacht doch förmlich der Schalk aus den Astlöchern.

Das Polizistenpärchen, das kontrollgehend vorbeikommt, wirkt in der Tat ausgesprochen "gutmütig", wenn auch nicht "grün". Das Baugeschehen werde indirekt beobachtet, erläutern sie uns. Ihnen obliege "die Sicherung des Objekts, nicht der Baustelle". Ob sich ein falscher Hackler einschleichen könne? "Da arbeiten 120 Leute, die können wir nicht alle kennen. Wenn aber etwas passiert, werden wir wohl angerufen."

"Kann er probieren"

Dass der Herr Franzobel in seinem Buch solche "Arbeitssimulanten" beschreibt? "Soll er. Kann er probieren. Dann wird er gefragt, ob er einen Bescheid vorweisen kann und dann nimmt das alles seinen üblichen Lauf. Und dann werden wir wohl wieder angerufen."

Dass jemand überzeugend verkleidet wo aufmarschiert, kann schon vorkommen. So wie seinerzeit immer wieder Beamer aus dem Universitätsgebäude gestohlen wurden und die alarmierte Polizei stets zu langsam war. "Einmal haben noch die Kabel in der Wand gewackelt - und wir waren wieder zu spät", erinnert sich der Parlamentsbewacher.

Franzobel hat übrigens noch eine Art Fake im Fake versteckt: Die "Kreuzung Rathausstraße/Parlament", an der sich Manker und Zsmirgel im Roman trafen - die gibt es gar nicht. Die Rathausstraße ist zwei Gassen vom Parlament entfernt. (Der Standard, Printausgabe, 09.11.2004)