Wien - In einem Konversationsheft Ludwig van Beethovens aus dem Jahr 1823 steht zu lesen, "man hört allgemein, dass die Hofkapelle in Dresden die beste in Europa sey".

Ob der Meister nach der Aufführung seiner siebenten Symphonie, die dieses Ensemble 181 Jahre später am vergangenen Wochenende unter Bernard Haitinks Leitung im Wiener Musikverein abgeliefert hat, diese Meinung unwidersprochen gelassen hätte, ist zu bezweifeln.

Denn der Grad seiner Taubheit hätte wahrscheinlich nicht ausgereicht, um die von der Sächsischen Staatskapelle im Zuge dieser konzertanten Exekution verursachte und dem Werk völlig unangemessene Lärmentwicklung zu überhören.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben, sei nicht verschwiegen, dass das betagte und daher überaus kenntnisreiche Musikvereinspublikum auf diese Wiedergabe erstaunlich paradox mit lauten Schreien der Begeisterung reagierte.

Nicht minder erstaunlich dankte es nach der einzigen Interpretation, während der die Vorzüge dieses von Dirigenten wie Komponisten zu Recht so hoch gerühmten symphonischen Zauberladens im Laufe dieses zweitägigen Dresdner Gastspiels in allen Varianten hörbar wurden, nämlich in jener der Ouvertüre zu Carl Maria von Webers Freischütz, nur mit höflichem Beifall.

Diese wenigen Freischütz-Minuten genügten allerdings, um eindrücklich daran erinnert zu werden, dass dieses Dresden und in erster Linie die Sächsische Staatskapelle ja wohl das romantische Herz Europas war, das Komponisten von Carl Maria von Weber über Felix Mendelssohn-Bartholdy, Robert Schumann, Franz Liszt, Richard Wagner und Richard Strauss immer wieder kräftig zum Schlagen brachten.

So hätte man von dieser Mann- und Damenschaft nur allzu gerne auch Webers Oberon-Ouvertüre in ebenso natürlicher und zugleich geheimnisvoller Märchenhaftigkeit erzählt bekommen, musste jedoch mit nüchternen, vom Blech nicht einmal immer ganz korrekt wiedergegebenen Noten vorlieb nehmen. Ebenso blieb es im Falle der pastosen Tondichtung Also sprach Zarathustra von Richard Strauss nur bei der Vorfreude.

Übereilter Schubert

Die Virtuosität, mit der Paul Hindemiths Symphonische Metamorphosen über Themen von Carl Maria von Weber unter Bernard Haitinks temperamentvoll befeuernder Leitung nachvollzogen wurden, ließen auf eine ähnlich fein ziselierende Detailfreude in der das Gastspiel beschließenden großen C-Dur-Symphonie von Franz Schubert hoffen. Allein, auch hier wurde man enttäuschter Zeuge einer sich überwiegend auf rhythmische Strukturen beschränkenden symphonischen Einebnung, und dies im hurtigen Tempo, als hätte das Check-in für den Flug zur nächsten Tourneestation schon vor dem Schlussakkord begonnen. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.11.2004)