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Schüler schauen durch Löcher eines Stücks der Berliner Mauer, die in der Gedenkstätte in der Bernauer Straße aufgestellt wurde.

FOto: EPA/Wolfgang Kumm
Berlin - Deutschland hat am Dienstag des Falls der Berliner Mauer vor 15 Jahren und der Pogromnacht des Jahres 1938 gedacht. Am 9. November 1989 hatte die DDR-Führung Erleichterungen für Reisen in den Westen bekannt gegeben. Das führte zu einem Ansturm auf die Grenzübergangsstellen in Berlin und an der innerdeutschen Grenze, so dass schließlich auf alle Formalitäten verzichtet wurde, womit letztlich das Ende der DDR eingeleitet war. Am 9. November 1938 organisierten die Nazis als Rache für die Ermordung eines deutschen Botschaftssekretärs in Paris vermeintlich "spontane" Gewaltakte gegen Juden und Zerstörungen jüdischen Eigentums.

In Berlin und anderen Städten finden Gedenkfeiern zur Pogromnacht statt. Bei der ersten großen Welle von NS-Übergriffen gegen Juden wurden damals Synagogen in Brand gesteckt, Geschäfte überfallen und Friedhöfe geschändet. Zehntausende Juden wurden verhaftet.

Thierse: "Eines der glücklichsten Ereignisse in der deutschen Geschichte"

Mit einer Kranzniederlegung haben deutsche Spitzenpolitiker aller im Bundestag vertretenen Parteien an den Mauerfall vor 15 Jahren erinnert. An der Zeremonie am Berliner Mauer-Mahnmal in der Bernauer Straße nahmen am Dienstag unter anderen Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, Kulturstaatsministerin Christina Weiss sowie die Vorsitzenden von SPD und CDU, Franz Müntefering und Angela Merkel, teil. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse nannte den Mauerfall "eines der glücklichsten Ereignisse in der deutschen Geschichte". Die Debatte um eine zentrale Mauer-Gedenkstätte am Brandenburger Tor hielt am Jahrestag unvermindert an.

Wowereit: "Zwiespältiger Tag"

"Der 9. November ist ein zwiespältiger Tag für die Deutschen", sagte Wowereit nach der Gedenkfeier in Berlin. Er sei ein Tag der Freude, aber auch ein Tag des Gedenkens an die Opfer des Grenzregimes und an die Pogromnacht von 1938. Auch 15 Jahre nach dem Fall der Mauer müsse "eine permanente Aufklärungsarbeit" geleistet werden, betonte der SPD-Politiker. "Wir dürfen nicht zulassen, dass auf einmal wieder Mauern in den Köpfen errichtet werden." Das sei eine Herausforderung für Politik und Gesellschaft.

Zentrale Gedenkstätte am Brandenburger Tor abgelehnt

"Wir müssen auch heute immer wieder daran erinnern, welch fürchterliches Bauwerk die Mauer war", sagte Wowereit. Er sprach sich aber gegen die von Bundestagsabgeordneten aller Fraktionen geforderte Errichtung einer zentralen Gedenkstätte am Brandenburger Tor aus. "Davon halte ich gar nichts", sagte er. Stattdessen sollten die bestehenden Gedenkstätten ausreichend gefördert werden. Abgeordnete von SPD, Grünen, CDU und FDP hatten am Montag eine Initiative für eine zentrale Gedenkstätte gestartet. Einen entsprechenden Antrag wollen sie noch in diesem Jahr in den Bundestag einbringen.

Neben Wowereit sprachen sich weitere Spitzenpolitiker von SPD, Union und Grünen gegen den Vorstoß aus. "Ich glaube nicht, dass wir noch mehr Gedenkstätten brauchen", sagte CSU-Landesgruppenchef Michael Glos im ZDF-Morgenmagazin. Die Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring Eckardt warnte vor dem Aufbau einer "Disneyland-Mauer".

Thierse für rote Linie

Auch Bundestagspräsident Wolfgang Thierse wandte sich gegen eine zentrale Gedenkstätte am Brandenburger Tor. Neben Holocaust-Denkmal, sowjetischem Ehrenmal und dem geplanten Denkmal zur Erinnerung an die ermordeten Sinti und Roma gebe es dann zu viele Gedenkstätten an diesem Ort, die sich gegenseitig relativierten. Thierse bekräftigte seinen Vorschlag, stattdessen den Mauerverlauf durch Berlin mit einer roten Linie zu markieren. "Wir müssen den Verlauf der Mauer sichtbarer machen auf der ganzen Länge durch die Stadt."

Thierse beklagte die Unkenntnis über die Bedeutung des 9. November 1989. Nach einer Umfrage wissen ein Drittel der Deutschen mit dem Datum nichts mehr anzufangen. "Ein solch glückliches Datum sollte man auch in der Schule unterrichten", sagte Thierse. "Nicht nur die hässlichen Seiten unserer Geschichte, die es genug gibt, sondern auch die glücklichen Seiten sind erinnernswert."

Schröder: "Schicksalstag der deutschen Geschichte

Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte am Montag erklärt, seit der Öffnung der innerdeutschen Grenze sei viel erreicht worden, zur Vollendung der deutschen Einheit sei aber weiterhin "eine wirklich nationale Kraftanstrengung" erforderlich. Der 9. November sei ein "Schicksalstag der deutschen Geschichte", weil sich an diesem Tag auch die Pogromnacht vom 9. November 1938 jährt. Damals habe "der Weg in einen Abgrund an Unmenschlichkeit" begonnen. "Daher wird dieser Tag eine stetige Mahnung sein, Rassismus und Antisemitismus schon in den Anfängen zu wehren."

Eine offizielle Mauergedenkstätte wurde bereits 1998 an der Bernauer Straße eingerichtet. Auf einer Länge von 70 Metern zeigt sie die Grenzanlage künstlerisch verfremdet. Zudem wurde der Mauerverlauf in der Innenstadt auf einer Länge von fünf Kilometern mit Pflastersteinen markiert. Die Grenze um Westberlin war allerdings 155 Kilometer lang.

Bernauer Straße

Die Bernauer Straße war durch den Mauerbau international bekannt geworden. Die Sektorengrenze verlief an der Häuserfront. In den ersten Tagen nach dem Mauerbau sprangen zahlreiche Menschen aus den Fenstern in den Westen. Später wurden unter der Straße Fluchttunnel gegraben.

Dem Mauerfall vorangegangen waren wachsende Protestdemonstrationen in der DDR und eine Massenflucht vor allem via Ungarn und die Tschechoslowakei in den Westen. Ein Jahr später war Deutschland wiedervereinigt.

Die CDU-Führung würdigte in einer Erklärung zum Jahrestag die Verdienste von Altkanzler Helmut Kohl um die deutsche Einheit. Der Prozess, der zur Wiedervereinigung geführt habe, wäre "ohne das hohe internationale Ansehen von Bundeskanzler Kohl undenkbar gewesen", hieß es in einer Erklärung. (APA/AP/dpa/red)