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Wer nicht inszeniert, verliert: Rechneten einst nur Lugners vor, was der Opernball an Inseraten erspare, weiß heute jeder Unternehmer, dass der Wert des eigenen Namens am Charityscheck im TV größer ist, als die darauf vermerkte Summe

Foto: REUTERS/Arnd Wiegmann
Ansonsten zurechnungsfähige Kolleginnen nehmen sich heute frei. Sie wollen Karl Lagerfeld bei H & M nicht versäumen: Es hieß ja, dass die Stückzahlen beschränkt seien. und die Damen kennen - von H & M nach Paris geflogen, aus dem Wiener Schauraum oder aus den "Seitenblicken" - einige Teile schon.

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Wiens Bürgermeister trabt zu einer VIP-Vorabparty für einen Ball, der in drei Monaten stattfindet. Medientrainer raten, statt der "ZiB"- Dominic Heinzls "Hi Society"-Kamera zu suchen. Ein Herrenmodelabel eröffnet in Wien - und lässt echte Playmates mit Kunden posieren (ja, Letztere sind bekleidet). Und für die kommende "Nacht der 1000 PS" wurden Promis Mittwochabend zur Boxenluderparty gebeten. Samt medialen Putzerfischen versteht sich.

"Klappern gehört zum Handwerk"

Was das mit H & M und Lagerfeld zu tun hat? Natürlich nichts. Oder eben alles. Rümpften Politiker einst die Nase, als prollige FP-Buben durch Diskotheken zogen, sagt beim Ballvorfest nun Michael Häupl, "klappern gehört zum Handwerk". Rechneten einst nur Lugners vor, was der Opernball an Inseraten erspare, weiß heute jeder Unternehmer, dass der Wert des eigenen Namens am Charityscheck im TV größer ist, als die darauf vermerkte Summe. Und während Künstler früher Jeanne & Raftl für einen schlechten Ersatz für "Treffpunkt-Kultur"-Präsenz hielten, herrscht heute Realismus. Die Botschaft wurde verstanden: Wer nicht inszeniert, verliert - wo ließe sich Inszenierung besser transportieren als in Foren, deren Aufgabe es schlicht nicht ist, zu hinterfragen. Ein Depp, wer sich anderswo zu Markte trägt.

Service nicht Inszenierung

Schließlich wissen Werber, dass das Übermaß an Werbung als ästhetische Belästigung empfunden und abgeblockt wird. Events sind ein Ausweg: Gesellschaftsecken nimmt keiner ernst - dort sind die mentalen Spamfilter durchlässiger: Michael Häupl nippt am Balldrink. Life-Ball-Macher Gery Keszler fährt Kleinstwagen. Und in Lifestyle- und Leute-Rubriken wird gewarnt, H & M könnten Lagerfeld-Stücke ausgehen. Das ist Service am Leser - nicht Inszenierung. Und mit der Verseitenblickisierung aller Lebensbereiche hat das nichts zu tun. Wirklich nicht. (Thomas Rottenberg, DER STANDARD Printausgabe 12.11.2004)