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Im Gespräch mit Ronald Pohl skizziert der Starschauspieler und passionierte Offenbach-Regisseur Helmuth Lohner die Konturen einer Zukunft für das sensible Theaterhaus.


DER STANDARD: Wann ist mit der seit Langem angedachten Überführung der Josefstadt-Theatergesellschaft in die Rechtsform einer Stiftung nun wirklich zu rechnen?
Lohner: Von mir aus können wir das in zehn Minuten erledigen - oder meinetwegen in der nächsten halben Stunde! Alle Modalitäten, die unsere Seite betreffen, wurden vom Aufsichtsrat an den Kulturstaatssekretär und an den Kulturstadtrat weitergegeben. Die müssen sich nun miteinander absprechen. Ich kann gegen den Vorgang nichts haben - wenn das Theater dadurch mehr oder weniger eine Subventionszusage besitzt.

DER STANDARD: Dadurch, dass die Subventionsgeber dann im Stiftungsrat vertreten sind?
Lohner: Natürlich - auch wenn ich nicht sagen kann, mit wie vielen Stimmen. Natürlich muss der Stiftungsrat auch die Zustimmung zu meinem Nachfolger geben. Das scheint mir sehr wichtig. Denn, wer immer es sein soll: Er braucht eine gewisse Vorbereitungszeit, um 2006 anfangen zu können.

DER STANDARD: Ihr Entschluss, nach zwei Spielzeiten das Direktionsbüro wieder zu räumen, steht unverrückbar fest?
Lohner: Ja. Daran möchte ich mich halten. Es war für mich selbst die größte Überraschung, hier noch einmal zu sitzen. Ich wurde dringend gefragt - deswegen bin ich da.

DER STANDARD: Waren die Umstände von Hans Gratzers Demission in der abgelaufenen Spielzeit nicht auch für Sie überaus misslich? Immerhin ist es höchst ungewöhnlich, bereits nach vier, fünf Monaten Intendanz zu resignieren.
Lohner: Ich bin nur dafür dankbar, dass der Vorgang nicht mir angelastet wurde. Der wirtschaftliche Zustand war ziemlich prekär. Das war für den Aufsichtsrat vielleicht ausschlaggebend, tätig zu werden. Ich bin wiederum dem Aufsichtsrat verantwortlich, obwohl meine jetzige Position nicht so haarscharf definiert ist. Ich bin der künstlerische Direktor - interimsmäßig.

Natürlich war der Vorgang als solcher ungewöhnlich. Inwieweit Gratzer selbst gemerkt hat, dass er den laufenden Spielplan umstellen muss - das will ich gar nicht beurteilen. Jedenfalls wäre es unter gewissen Umständen gar nicht zu dieser Situation gekommen. Ich habe mir selbst das Wort gebrochen: Ich wollte wirklich nicht mehr Direktor sein - nachdem ich zum Abschied Molières Menschenfeind gespielt hatte. Vielleicht ist es ein Fehler - eine üble Charakterschwäche. Es ist ja nichts wiederholbar. Es gibt "große Stücke", und jede Fortsetzung wird schwächer.

DER STANDARD: Der Name des Schauspielers Herbert Föttinger - er spielt gerade am Haus den "Mackie Messer" - wird als Ihr Nachfolger genannt. Nun ist zu hören, dass die Josefstadt-Gesellschafter seinen Namen sogar gerne in den Stiftungsvertrag hineingeschrieben hätten. Ist da etwas dran?
Lohner: Also, die Frage ist diplomatisch gestellt . . . Ich habe innerlich natürlich meine Prioritäten. Aber man wird verstehen, wenn ich die nicht laut sage.

DER STANDARD: Allgemeiner gefragt: Es wird im Haus doch als wünschenswert betrachtet, dass man hiesigen Traditionen Rechnung trägt. Das hieße zum Beispiel, den künftigen Direktor "hausintern" zu bestellen. Das könnte die Kontinuität einer solchen Tradition sichern helfen, das stärkt den Zusammenhalt . . .
Lohner: Absolut, ja, so kann man das sagen. Dabei habe ich gleich zu Beginn meiner Intendanz mit der Josefstadt-Tradition "gebrochen" - und habe dafür einiges auf den Kopf bekommen, stehe aber dazu. Als ich Friederike Roth aufführte, war das eine meiner wichtigsten Produktionen.

Ich glaube nicht, dass ein Theater so etwas wie eine absolute "Tradition" hat. Aber natürlich ist die Josefstadt ein "Familienbetrieb". Das Haus war beim Publikum offiziell nicht sehr beliebt. So etwas schweißt die Leute natürlich zusammen - die Schlosser mit dem Abonnementbüro, die Administration mit der Technik. Nun trifft man als Direktor mitunter einsame Entscheidungen - aber man muss merken, dass alle damit einverstanden sind. Dieses Gefühl habe ich ganz einfach.

DER STANDARD: Man könnte die Frage auch polemisch umkehren: Die letzte Direktionsentscheidung wurde vom kommunalen Geldgeber sozusagen "autonom" getroffen. Sie nahm die bekannte, unerfreuliche Wendung. Nun könnte man daraus lernen wollen, um die neuerliche Möglichkeit eines Scheitern vom Haus abzuwenden.
Lohner: Sie formulieren das geschickter als ich, ich tu' mir da schwerer. Ich war hier, ganz jung, Zauberlehrling an diesem Haus. Und wenn ich später in Wien war, habe ich am Burgtheater gespielt. Wie soll ich sagen? Ich habe die Josefstädter Aufgabe immer als sehr schwer empfunden, das Erstellen eines Spielplans und so weiter. Die große "Haarnadelkurve" habe ich, glaub' ich, nie geschafft. Der modische Trend, der zurzeit herrscht, der manchmal gelingt und manchmal nicht . . .

DER STANDARD: ... verblasst aber schon wieder.
Lohner: Ja. Man will dasjenige, was dem Theater ausgetrieben wurde, wieder zurückhaben.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.11.2004)