Die Organisation Transparency International schlägt Alarm: Deutschland ist für Korruption im Gesundheitswesen besonders anfällig. Der dadurch entstandene Schaden beläuft sich geschätzt auf 20 Milliarden Euro jährlich.

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Bekannt werden immer nur Einzelfälle: Ärzte, die sich von Pharmafirmen zu teuren Reisen einladen lassen oder Apotheker, die sich "Anerkennungsprämien" für hohe Umsätze überweisen lassen.

Transparency International, eine Organisation gegen Korruption, hat sich die Mühe gemacht, eine Rechnung darüber aufzustellen, was diese so genannten Einzelfälle in Summe ausmachen. Demnach werden dem deutschen Gesundheitssystem durch Betrug und Korruption jährlich 20 Milliarden Euro entzogen.

Dadurch gingen drei bis zehn Prozent des rund 200 Millionen Euro umfassenden Gesundheitsbudgets verloren, sagte das Vorstandsmitglied von Transparency International, Anke Martiny, bei der Vorstellung der Studie am Freitag in Berlin. Betrügereien gebe es auf allen Ebenen: vom Arzt über Apotheken bis hin zu Pharmaindustrie, Kassen und Patienten. Deutschland sei aufgrund des in viele dezentrale Einheiten (zum Beispiel mehr als 200 Krankenkassen) geteilten Systems besonders anfällig.

Gleiche Erkenntnisse

Dieser Befund deckt sich auch mit den Erkenntnissen des Bundeskriminalamts. Im Jahr 2003 stellte das Gesundheitswesen und die Baubranche mit jeweils etwa 19 Prozent den größten Teil von Tatverdächtigen bei Korruptionsermittlungen.

Wegen dieser massiven Vorwürfe sah sich das Gesundheitsministerium am Freitag zu einer Klarstellung bemüßigt. Der Großteil der Beschäftigten im Gesundheitsbereich mache "einen prima Job". Es gebe allerdings einzelne schwarze Schafe, räumte ein Ministeriumssprecher ein.

Die Kassenärztliche Vereinigung sprach dagegen von einer "billigen Effekthascherei". Die Organisation sprach den Schwachpunkt der Studie an: Ein Teil der Ergebnisse in Deutschland sind demnach Rückschlüsse aus breit angelegten Studien in den USA, die einfach übertragen wurden. Das Gesundheitsministerium will allerdings seinerseits am Ende dieses Jahres konkrete Zahlen zu Korruptionsfällen im Gesundheitsbereich in Deutschland vorlegen. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.11.2004)