Ilustration: Der STANDARD/Oliver Schopf

Heuer bekam Elisabeth List den Gabriele-Possanner-Preis. Ein Staatspreis für "wissenschaftliche Leistungen, die der Geschlechterdemokratie in Österreich förderlich sind", heißt es im Ausschreibungstext. List meint, der Preis, der alle zwei Jahre vom Wissenschaftsministerium vergeben wird, sei ihr "quasi nachträglich für meine Arbeit" verliehen worden, "aber das mindert ihn nicht".

Nachträglich sei der Preis für ihr Wirken deshalb, weil die Zeit, in der sie sich mit der Geschlechterproblematik beschäftigt hat, relativ weit zurückliegt. Die Phase ihrer Arbeit zur feministischen Theorie und Wissenschaftskritik datiert sie zwischen 1981 und 1991. Der Preis sei aber einer für ihr Lebenswerk, sagt die 1946 geborene und in der Obersteiermark aufgewachsene Wissenschafterin. Danach, und das ist bis jetzt ihr Wissenschaftsschwerpunkt, befasste sie sich mit den Themen "Körper", "Leiblichkeit", mit der Theorie des Lebendigen und den Biowissenschaften. Dass sie zu diesem Themenkreis gelangte, ist Ergebnis der feministischen Kritik an der "Leibvergessenheit" der philosophischen Tradition, hat aber auch persönliche Gründe.

Elisabeth List leidet an einer Erbkrankheit, die sie gehunfähig macht. Diese Erfahrung war auch ein Anlass ihrer Kritik an den Biowissenschaften, an der euphorischen Technikgläubigkeit. So wurde angekündigt, man werde Erbkrankheiten mithilfe gentechnischer Verfahren bald beseitigen können, "aber davon ist keine Rede mehr". Deshalb sei es wichtiger zu fragen, wie man mit einer solchen Krankheit ein lebenswertes Leben führen kann.

Die Stationen auf dem Karriereweg der Elisabeth List sind vielfältig. Sie hatte Gastprofessuren im norwegischen Bergen, in Tübingen, Innsbruck und Klagenfurt. Seit Ende der 1990er-Jahre ist sie neben ihrer Tätigkeit als Professorin am Institut für Philosophie auch Leiterin der Arbeitsgruppe Kulturwissenschaften. Sie bedauert, dass das von ihr entwickelte Curriculum wegen der Geldnot an der Universität noch nicht realisiert wurde.

Als sie ihre Habilitation geschrieben hatte, das war 1981, habe sie sich vorgenommen, wissenschaftlich nichts mehr zu machen, von dem sie nicht überzeugt ist, dass es einen realen, lebenspraktischen Wert hat. Aus dem heraus erklärt sich vielleicht auch ihr Engagement bei der Initiative "Erklärung von Graz für eine solidarische Entwicklung". In dieser Initiative ist sie seit 25 Jahren Mitglied, man organisiere Projekte in Afrika und Lateinamerika, um die Nutzung alternativer Energien zu ermöglichen, Trinkwasserversorgung und Schulen aufzubauen oder man vergebe Stipendien zur Förderung junger Frauen, sagt sie.

Politische Ereignisse in Lateinamerika, wie der Putsch in Chile, in dem 1973 Präsident Salvador Allende gestürzt worden war, brachten sie politisch in Bewegung. Zwei Monate in Guatemala machten ihr klar, dass das Leben in diesen Regionen gefährlich wird, wenn man sich für die Armen einsetzt.

Ihr bleibendes Interesse für Lateinamerika hat sie der spanischen Sprache nahe gebracht, sie liest gerne Gabriel García Márquez, Octavio Paz, Isabel Allende, Miguel Ángel Asturias. Der liebste Ausgleich in der Freizeit aber ist die Musik, von der Barockmusik bis zum Jazz, und besonders auch die Musik aus Lateinamerika. (Andrea Waldbrunner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13./14. 11. 2004)