Ramallah - Die palästinensische Führung hat nach der Beisetzung Yasser Arafats mit den Vorbereitungen für einen politischen Neuanfang begonnen. Ministerpräsident Ahmed Korei (Abu Ala) kündigte am Samstag in Ramallah an, dass ein Präsident gemäß den Verfassungsvorgaben bis zum 9. Jänner gewählt sein solle. US-Präsident George W. Bush und Israel rief er auf, Friedensgespräche wieder aufzunehmen. Mohammed Dahlan, ein einflussreicher Politiker in Gaza, appellierte an die internationale Gemeinschaft, "uns demokratische und freie Wahlen zu ermöglichen".

Zu Arafats Lebzeiten hatten palästinensische Politiker erklärt, wegen der israelischen Besetzung in Westjordanland und Gazastreifen sei das Abhalten von Wahlen nicht möglich. Die Israelis schränkten die Bewegungsfreiheit der Wahlberechtigten zu sehr ein. Der frühere Arafat-Vertraute Nabil Abu Rudeineh wies darauf hin, dass weder im Friedensprozess noch bei Reformen der palästinensischen Selbstverwaltung Fortschritte erzielt werden könnten, bevor allgemeine Wahlen stattgefunden hätten. "Kein palästinensischer Führer kann Arafat ersetzen, wenn er nicht durch eine Wahl bestätigt worden ist", sagte er.

Unterstützung für eine demokratisch legitimierte palästinensische Regierung hatten Bush und der britische Premierminister Tony Blair am Freitag angekündigt. Bush erklärte in Washington die Nahostpolitik zu einem seiner außenpolitischen Schwerpunkt und sagte, er wolle in seiner zweiten Amtszeit alles für die Errichtung eines palästinensischen Staates tun.

Korei sagte am Samstag, den Worten müssten Taten folgen: "Ich sage der amerikanischen Regierung, zu Präsident Bush, den Israelis und der ganzen Welt: Jetzt ist die Phase gekommen, in der wir ernsthafter sein müssen. Wenn wir fest entschlossen sind, es zu tun, kann das in einer sehr kurzen Zeitspanne geschehen."

Der palästinensische Außenminister Nabil Shaath begrüßte Bushs "Bereitschaft, mehr Zeit und Autorität und mehr Einfluss für die Wiederaufnahme des Friedensprozesses zu investieren". Er erinnerte daran, dass Bushs "Road Map" zu einer Friedenslösung die Schaffung eines palästinensischen Staats im kommenden Jahr vorsieht.

EU-Chefdiplomat Javier Solana forderte die israelische Führung aufg, den Dialog mit den Palästinensern wieder aufzunehmen und den Ausbau von Sperranlagen und Siedlungen zu stoppen. Solana sagte der Hamburger Zeitung "Bild am Sonntag", die israelische Regierung sollte vor allem die Gelegenheit nutzen und den abgebrochenen Dialog mit den Palästinensern wieder aufnehmen.

Ohne einen solchen Dialog werde es keinen dauerhaften Frieden geben. Der deutsche Außenminister Joschka Fischer rief Israel am Freitagabend in Berlin auf, den Rückzug aus dem Gazastreifen mit dem Nahost-Friedensplan, der so genannten Roadmap, zu verbinden.

Der israelische Oppositionschef Shimon Peres forderte die Regierung seines Landes auf, mit der neuen Palästinenser-Führung Verhandlungen aufzunehmen. Nach dem Tod Arafats hätten mit Ministerpräsident Korei und dem neuen PLO-Chef Abbas "sehr ernsthafte Menschen" die Führung der Palästinenser übernommen, sagte Peres der "Welt am Sonntag" einem Vorabbericht vom Samstag zufolge. "Beide haben verstanden, dass der Terror kontraproduktiv für die Palästinenser war, und ich bin sicher, dass sie keine Fortsetzung des Terrors wollen", sagte er weiter.

Der am Donnerstag verstorbene Arafat wurde am Freitag in Ramallah beigesetzt. Nach der chaotischen Beerdigung im Hauptsitz der Autonomiebehörde im Westjordanland war es dort am Samstag ruhig. Trauernde Palästinenser defilierten an seinem Grab vorbei, um Blumen und Kränze niederzulegen.

Als Vorentscheidung für Arafats Nachfolge gilt bereits die Wahl des früheren Ministerpräsidenten Mahmud Abbas (Abu Mazen) zum neuen Chef der PLO. Am Samstag verlautete aus palästinensischen Kreisen, der in Israel inhaftierte Politiker Marwan Barghuti wolle bei der Wahl kandidieren. Er würde nur verzichten, wenn seine Fatah-Organisation in einer Mitgliederbefragung einen anderen Kandidaten bestimmen sollte, sagte der Gewährsmann. Eine Vorwahl in der Fatah gilt als unwahrscheinlich. Als Übergangspräsident der Autonomiebehörde fungiert vorerst Parlamentspräsident Rawhi Fattuh. (APA/AP/dpa/Reuters)