New York - Das geplante neue russische Atomraketensystem hat nach Aussage von Vizeaußenminister Juri Fedotow rein defensiven Charakter. "Natürlich handelt es sich um eine militärische Angelegenheit", sagte Fedotow am Freitag der Nachrichtenagentur AP. "Alle Streitkräfte brauchen so etwas wie eine Modernisierung, deswegen ist das ein ganz natürlicher Prozess", betonte der Diplomat. Russland will nach den Worten von Präsident Wladimir Putin eine neue Atomrakete entwickeln, wie sie keiner anderen Nuklearmacht der Welt zur Verfügung steht.

Putin will Waffen, die die anderen Atommächte nicht haben

Derzeit stelle der internationale Terrorismus eine besonders große Bedrohung dar, wurde Putin weiter zitiert. Aber "wenn wir Verteidigungskomponenten wie ein nukleares Raketenschutzschild ignorieren, könnten andere Bedrohungen auftreten". Daher werde Russland seine Bemühungen fortsetzen, die Streitkräfte einschließlich ihrer atomaren Komponente auszubauen.

Zehn Sprengköpfe auf einer Rakete

Über die mögliche Beschaffenheit des neuen Waffensystems wurde vorerst nichts bekannt. Verteidigungsminister Sergej Iwanow hat jedoch schon angedeutet, dass in Kürze eine neue Version der Langstreckenrakete Topol-M getestet werde. Der Prototyp könnte dann im kommenden Jahr in Serie gehen. Medienberichten zufolge könnte die neue Version zehn atomare Sprengköpfe mit einem Gesamtgewicht von vier Tonnen auf einer Entfernung bis zu 10.000 Kilometern befördern. Bisher betrug die maximale Belastung 1,2 Tonnen.

Topol-M-Raketen sind offenbar nur schwer aufspürbar. Anfang des Jahres war aus dem russischen Verteidigungsministerium verlautet, Russland habe eine Waffe entwickelt, die das geplante neue Raketenabwehrsystem der USA nutzlos mache.

1,2 Millionen Soldaten

Putin hatte in den vergangenen Jahren bereits mehrmals die Entwicklung neuer Atomwaffen verkündet. Genauere Angaben machte der Kreml-Chef auf der Kommandantentagung nicht. Vor einem Jahr hatte Putin das westliche Ausland mit der Behauptung verunsichert, Russland habe bereits neue Raketen mit Mehrfachsprengköpfen entwickelt. "Es handelt sich um äußerst schreckliche Raketen mit Nuklearsprengköpfen, von denen wir Dutzende haben mit mehreren hundert Sprengköpfen", sagte Putin im Oktober 2003. Nach offiziellen Angaben verfügen die russischen Streitkräfte derzeit über 642 einsatzbereite Internkontinentalraketen mit insgesamt 2.662 Atomsprengköpfen.

Nach Angaben des Verteidigungsministeriums leisten noch 1,2 Millionen Soldaten Dienst in den Streitkräften. Im laufenden Jahr seien 932 Soldaten im Dienst ums Leben gekommen. Ein Viertel von ihnen beging Selbstmord.

Experten reagierten mit Skepsis auf Putins Ankündigung. Der Präsident setze immer noch auf die überholte Doktrin der atomaren Abschreckung wie in den 90er Jahren, sagte der Militärexperte Alexander Golts. Dadurch werde die Schwäche der konventionellen Verteidigung offensichtlich. Die Doktrin der atomaren Abschreckung gehe vom Westen als Feind aus. Es sei jedoch klar, dass Russland den Westen nicht angreifen wolle. (APA/AP/dpa/Red)