Zeit der Ernte. Budget endlich wieder mit Defizit, die Volksgesundheit gerettet, die Pensionen harmonisiert, der Hauptverband gesäubert, die Hochschülerschaft demokratisiert, der Verschwendung in der Arbeiterkammer Einhalt geboten, der Sozialbetrug - soweit nicht von der Regierung ausgeübt - kriminalisiert. Und um auch dem Unterhaltungsbedürfnis Rechnung zu tragen, inszenierten Mitglieder der Alleinregierung Schüssel wieder einmal - zum wievielten Male nun? - das Satyrspiel, bei dem bis zur letzten Minute unter viel Geschrei und dramatischen Verrenkungen um diverse Deckel gerungen wird, die die Ringer im Falle der einen oder anderen Deckelung als Schutzpatrone der fleißigen und anständigen kleinen Leute, vulgo Hackler, ausweisen sollen. Wenn nicht, auch egal. Da geht es nicht um Spannung, nur um ein Ritual, denn ohnehin weiß man von vornherein, dass die blauen Ringer umfallen werden, und dass Fritz Neugebauer letztlich immer zur Klubdisziplin finden wird.

Kein Wunder, dass der Bundeskanzler angesichts solcher Reformerfolge die Aufregung der Opposition nicht nachvollziehen kann. Warum sollte er auch? Schleudern ihm deren Mandatare doch nur als Vorwurf entgegen, was seit vier Jahren sein unverhohlen verfolgtes Programm ist: "Sie rütteln am Grundkonsens der Zweiten Republik!" Überrascht wird ihn dieses Verdikt des sozialdemokratischen Klubobmannes ebenso wenig haben wie die beinharte Flugzettelverteilung des ÖGB-Präsidenten.

Solange sie keinen ernsthaften Versuch unternehmen, ihn daran zu hindern, an diesem nicht näher definierten Grundkonsens weiterhin zu rütteln, kann er die allmählich zur Gewohnheit werdende Überraschung der getrennt marschierenden Opposition mit Gelassenheit ertragen. Und demnächst bricht ohnehin das Gedankenjahr an, das nahtlos in der Wahljahr übergeht.

Sollte mit dem Grundkonsens der Zweiten Republik die politische Philosophie der Sozialpartnerschaft gemeint sein, dann ist es völlig sinnlos, einem retardierten Thatcheristen wie dem Bundeskanzler immer wieder deren Zerstörung vorzuwerfen, nur weil man selber noch nicht über sie hinaus gelangt ist. Die Opposition wirkt vor allem gekränkt, gekränkt darüber, dass einer von seiner Mehrheit ohne Beschönigung Gebrauch macht, nicht nur um sein (wirtschafts)politisches Programm durchzuziehen, sondern auch um seine politischen Widersacher möglichst nachhaltig zu schwächen. Das völlig ungeniert zu tun, mag dem Comment der Zweiten Republik widersprechen, allein mehr Wähler als der Opposition lieb sind, könnten das auch erfrischend finden, wären da nicht die sozialen Folgen Schüsselschen Regierens.

Sollten Sozialdemokraten und Grüne ihre Kritik ernst nehmen, dass die schwarz-blauen Koalition planmäßig zu Lasten der Frauen, der Ärmeren, der Arbeitnehmer sowie deren Vertretungen reformiert, dass sie kulturell hinterwäldlerisch, auf dem Forschungssektor bestenfalls gleichgültig und aus diesen und anderen Gründen daher abzulösen ist, müssten sie, statt immer nur getrennt zu klagen, angesichts der Realitäten allmählich zu einer gemeinsamen Strategie finden.

Denn daran führt kein Weg vorbei: Die Freiheitlichen beseitigen sich, wie es derzeit aussieht, selber, aber die tiefere Ursache ihres prinzipiellen Unbehagens können sie nur gemeinsam beseitigen. Vorausgesetzt, sie wollen es überhaupt, und ihre Prinzipien stehen nicht gegen ein Koalitionsangebot der ÖVP zur Disposition. Die schwarze Beschwörung des nationalen Unterganges durch Rot-Grün, die viele fürchten, kommt auf jeden Fall, egal, wie die Grünen taktieren. Aber die letzten Wochen haben gezeigt: Das Jammern hat bisher nichts gebracht, gebraucht wird eine realistische Alternative. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.11.2004)