Tom Dixon ist Designstar, und er ist sauer. Oder sagen wir lieber: Tom Dixon geht mit dezent angesäuerter Hoffnung schwanger. Angesäuert deswegen, weil er schon jetzt absehen kann, dass seine Hoffnung vermutlich enttäuscht werden wird. Aber immerhin: Die Chance war nie besser als jetzt. Die Chance beispielsweise, einen Film zu drehen oder zumindest die erste eigene CD zu bespielen. Auch die Sache mit dem Entwerfen von Sandalen könnte klappen, Schuh-Couturier Manolo Blahnik jedenfalls ist vorgewarnt. Und wenn Manolo floppt, bleibt immer noch Issey Miyake, für den Tom Dixon schon immer etwas nähen wollte, immerhin ist man auch dafür Designer genug.

Manolo Blahniks Schuhlöffel

aus dem Katalog

Und dann noch Lennox Lewis, der Mann mit der Donnerpranke. Der bleibt Tom garantiert. Boxer sind anhängliche Naturen, wahre Klammeraffen mitunter. Sollte mit Dixons neuen Hobbys so gar nichts ins Laufen kommen, dann kann er mit Lewis zumindest eine Runde Sandsack spielen. Oder Handtuchwerfen üben. Denn wozu hat man neuerdings auch den langjährigen WBC-Schwergewichtsweltmeister im privaten Telefonregister stehen? Und wozu schreibt man überhaupt hundert Briefe an berühmte Leute, mit denen man immer schon einmal ein wenig zusammensitzen wollte? Tja, wozu wohl? Wenn nicht, um sie irgendwie anzubaggern? Und um von ihrer Gloriole ein wenig - oder besser noch: möglichst viel - Glamour abzuzapfen? So gesehen hat der Designer Tom Dixon kein bisschen Grund, sauer zu sein.

Die Uhr von Lennox Lewis

aus dem Katalog

Am allerwenigsten in seiner Eigenschaft als Kreativdirektor von Habitat, einer Art britischer Style-Ikea, gegründet vom für besondere Geschmacksknospen geadelten Sir Terence Conran. Denn zumindest in dieser Hinsicht waren die hundert Briefe, die Dixon vor einiger Zeit versandt hatte, eine äußerst gute Investition gewesen. Klar, alle schrieben nicht zurück. Das Supermodel, das sich Dixon als Entwerferin eines neuen Habitat-Spiegels gewünscht hatte, ließ sich etwa nicht auftreiben. Auch Prince Charles outete sich als eher verschnupfter Designspaßverderber. An ihn war Tom Dixon mit dem Wunsch herangetreten, einen Blumentopf zu entwerfen.

Ein Tisch von Jean Nouvel

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In dieser Phase des Projekts "VIP Collection", in dessen Rahmen Prominente für Habitat vorübergehend zu Möbel- und Produktdesignern mutierten, hatte man hinsichtlich wesentlicher Punkte bereits Klarheit geschaffen. Das betraf auch die Liste der potenziellen Mitarbeiter, die nach den ersten Brainstorming-Runden noch einer Auflistung von Traum-Dates glich, sich allmählich aber objektiverer Auswahlkriterien befleißigte. Gesucht wurden Leute, die in ihren spezifischen Bereichen Erfolg hatten. Leute zugleich, denen man aber auch eine intensive Beziehung zu bestimmten Einrichtungsgegenständen zutrauen konnte. Jenen besonderen Fokus eben, den ein Schuhdesigner auf den Schuhlöffel hat, ein Musiker auf CD-Racks und ein auf Rundensekunden gedrillter Boxer wie Lewis auf das Zeitmessgerät Uhr.

Schuhschachteln von Linford Christie

Habitat

Ganz neu war die Idee, Promis für die Bewerbung einer Kollektion einzuspannen, freilich nicht. Habitat brauchte dabei nur in den alten Katalogen des eigenen Unternehmens zu blättern. Schon in den 60er-Jahren lud Terence Conran regelmäßig Freunde dazu ein, Habitat an ihrem besonderen Blickwinkel auf die Welt des Einrichtens teilnehmen zu lassen. Maler David Hockney war der berühmteste von ihnen. Ein Mal nahm sich sogar Hairstyle-Legende Vidal Sassoon der Frisuren der Londoner Habitat-Verkäuferinnen an. Waschen, legen, kräftig mitschneiden. Eine Promihand bedient eben die andere, man kennt das zur Genüge.

Leuchte von Helena Christensen

Habitat

Und so wäre die jüngste Habitat-VIP-Offensive denn auch nicht weiter bemerkenswert - wenn sie nicht einige Fragen aufgeworfen hätte. Der Diskussion würdig ist ja allein schon jene Befindlichkeit der Designszene, die Tom Dixon im Zuge der erfrischend anderen "VIP Collection"-Erfahrung als "Schmoren im eigenen Saft" bezeichnet - womit er die monokulturellen Tücken der innerhalb eigener Kreise agierenden Berufsdesigner meint.

Carla Brunis Hängesessel

Habitat

Mangelnde Selbstreflektion oder zumindest beschränkte Sensibilität auf den unerwartet anderen Blickwinkel - selbst die kreative, auf Innovationen ausgerichtete Designszene scheint mitunter an solcher Betriebsblindheit zu laborieren. Erstaunlich ist es nämlich allemal, wenn der ganz normale User, durch den alleinigen Gebrauch legitimiert, zu neuen Ansätzen findet. Maßgeschneidert für spezifische Bedürfnisse ist nämlich so mancher Beitrag der umfangreichen VIP-Kollektion.

Sitzgelegenheit von Philip Treacy

Habitat

Da darf sich "Corellis Mandoline"-Autor Louis de Bernières über ein gläsernes, rollendes Bücherregal freuen, das ihm beim unentwegten Nachschlagen während des Schreibens behilflich ist. Schauspieler Ewan McGregor, der während der Drehpausen stundenlang in Regiestühlen herumhängt, bemühte sich um ergonomische Perfektion desselben, und Ähnliches kann von Gilberto Gils Gitarrenhocker behauptet werden - wobei Ergonomie freilich am allerwenigsten zu den gängigen Design-Fremdwörtern zählt.

Bücherregal von Louis de Bernières

Habitat

Banal scheint das Aufspüren blinder Design-Flecken mitunter trotzdem zu verlaufen: Songwriterin Sharleen Spiteri beweist das mit einem modularen CD-Rack, das sich allein durch den Umfang vom herkömmlichen Habitat-Sortiment unterscheidet. 500 Alben umfasst es. Für jeden Sammler, der sich oft Racks für die einzelnen Racks wünschen mag, ein wahrer Lichtblick.

CD-Regal von Sharleen Spiteri

aus dem Katalog

Schlagkräftiger wird das Argument, Top-Profis aus diversen Bereichen an den Zeichentisch zu lassen, trotzdem vor allem da, wo ein individueller Bezugspunkt für entsprechende Originalität sorgt. Einen Couchtisch, der im Rhythmus der Musik blinken kann, steuern die Musiker Daft Punk bei, und einen mit herrschaftlich-violettem Samt überzogenen und mit Quaste verzierten Safe die Londoner Schmuckdesignerin Solange Azagury-Partridge.

Couch-Tisch von Daft Punk

aus dem Katalog

Sonderbar fremd steht dieses Produkt nun im Katalog, schlägt eine samtige Nische in die kalte Welt des Besitzes und dessen noch kälterer Absicherung - ganz so, als ob das emotionale Potenzial, das sich hinter gehortetem Klunker verbirgt, nun das erste Mal ausgelotet worden wäre. Solche Ansätze, zu denen auch die Spiegelskulptur zählt, mit der der wohl weltbeste Flamencotänzer Joaquín Cortés das Arbeitswerkzeug seines Genres, vor allem aber dessen Gnadenlosigkeit in den Mittelpunkt eines Entwurfes stellt, überzeugen den Betrachter am meisten.

Schmuckkästchen von Solange Azagury-Partridge

aus dem Katalog

Von Habitat-Mastermind Tom Dixon gar nicht erst zu reden. Denn eine spektakuläre Einzelaktion muss der Briefwechsel mit Promis nicht unbedingt bleiben. Schon rücken andere Helden der ästhetisierten Gesellschaftskulisse in den Blickwinkel: Köche etwa, denen man vom Zusammenspiel von Ergonomie, Effizienz und Sinnlichkeit bekanntlich nicht viel erzählen muss. Oder Gärtner, denen man ja traditionellerweise viel Hintersinn zutraut, schon gar in einer Gegend wie England. Sie müssen im Nebenerwerb mitnichten immer nur Mörder sein. Auch Designer wäre eine Option. (Robert Haidinger/Der Standard/rondo/19/11/2004)

Gläsernes von Tanya Streeter

Habitat

Für Kunden aus Österreich ist es nicht leicht, Habitat-Produkte zu beziehen. Manche Produkte werden per Spedition zugestellt. Genaueres erfährt man in den jeweiligen Filialen in Deutschland, die man auf der Internetseite www.habitat.de finden kann.
Info: Tel. 0049 / 231 725483-0

Regiestuhl von Ewan McGregor

Habitat