Wien - Der Fall Gross wirft viele Fragen auf, ist vor allem aber auch ein juristisches Problem. Nach welchen rechtlichen Grundlagen ist das zu beurteilen, was Heinrich Gross als Anstaltsarzt und "phasenweiser ärztlicher Direktor" in der Klinik "Am Spiegelgrund", wie es in der Anklageschrift heißt, von der Staatsanwaltschaft vorgeworfen wird? Gross soll in der Klinik "Am Spiegelgrund" ab Juli 1944 den nach Kriegsende zum Tode verurteilten und hingerichteten Ernst Illing als Direktor vertreten haben, da Illing mit seiner Familie einen Urlaub am Semmering genießen wollte. Gross war zu diesem Zeitpunkt Angehöriger der Wehrmacht und nach einem Einsatz in Albanien im Lazarett in Stammersdorf behandelt worden. Er befand sich auf "Genesungsurlaub", als ihn Illings Bitte erreichte, ihm "Am Spiegelgrund" auszuhelfen. Österreichisches oder deutsches Recht? Laut Anklage trug Gross dort zur Ermordung von neun behinderten Kindern bei, indem er sie zum Teil selbst an den zuständigen "Reichsausschuss" meldete und die auf Herbeiführung einer Lungenentzündung gerichtete "Behandlung" in die Wege leitete bzw. fortsetzte. Zu diesem Zweck wurden den Kindern vom Pflegepersonal auch die Schlafmittel Veronal bzw. Luminal verabreicht und Nahrung vorenthalten. Nach welcher Rechtslage müssten nun die Geschworenen die Sachlage beurteilen? Im gegenständlichen Zeitraum stand hier zu Lande trotz des "Anschlusses" grundsätzlich weiter das ursprüngliche österreichische Strafrecht in Geltung. Lediglich für einzelne Delikte wurden die Bestimmungen des deutschen Reichsstrafgesetzbuchs (RStGB) übernommen. Dazu zählte auch das Verbrechen des Mordes. Schwerarbeit für Laienrichter Da der Paragraph 211 RStGB dafür als Sanktion auch die Todesstrafe vorsah, käme für den Fall Gross nach dem sogenannten "Günstigkeitsprinzip" an sich der "heimische" Mord-Paragraph zum Tragen. Der sah nämlich damals schon maximal lebenslange Haft vor. Gross war jedoch Wehrmachtsangehöriger, und für diese galt ausschließlich das Reichsstrafgesetzbuch. Sollte es im Gross-Prozess je zu einem Abschluss kommen, wartet auf die Laienrichter spätestens in der Urteilsberatung jedenfalls Schwerarbeit. Der Verfasser der Anklageschrift kommt in dieser nämlich zum Schluss, dass für Heinrich Gross trotz seiner Zugehörigkeit zur Wehrmacht das deutsche Recht im Anklage gegenständlichen Zeitraum doch nur bedingt gegolten habe, weil er sich damals im Urlaub befand. Ob juristische Laien all das ohne Schwierigkeiten verstehen werden, erscheint zumindest auf den ersten Blick mehr als unsicher. (APA)