Wien - Ein untersetzter Pianist in Schwarz tritt auf die Bühne. Mit Pokerface und poliertem Schädel. Das Auditorium grüßt applaudierend. Der Klavierspieler, Florian Müller, verbeugt sich, dreht dem verstummenden Publikum den Rücken zu. Er nimmt vor dem Bösendorfer Platz - und zückt eine Fernbedienung.

Auf einer Leinwand erscheint folgender Text: "Two Pieces for Piano (second piece), Category: musical composition, Dated: May-August 1946, Instrumentation: piano, Duration: 5'". In der Uraufführung seiner Choreografie John Cage. A Project by Jérôme Bel bei Wien Modern und im Tanzquartier Wien zieht der französische Künstler ein wohldurchdachtes Konzept durch: Stück für Stück führt er seine Zuschauer und Cages Zuhörer vom Erlebnis des musikalischen Klanges zu jenem der Stille und schließlich zu sich selbst.

"Second piece" bedeutet: Wir sind schon zu Anfang mitten drin in Cages Oeuvre. Jedes weitere Stück repräsentiert ein Thema: "Music for Marcel Duchamp", "Suite for Toy Piano", "Waiting" und "4'33". Bel verfolgt Doppelstrategien. Hier die Musik, dort die Performance - Müller tritt als Pianist und als Darsteller auf. Hier die historische Aura des großen Komponisten, dort die Freiheit, mit seinen Werken neue Geschichten zu formulieren.

Geschichte des Pop

Bels "neue Geschichte" ist die der Popkultur in uns. Der Musiker ist ein Fingertänzer, das Instrument eine Klangskulptur, und Musik ist ein Spielzeug. Wer lange genug warten kann, dem wird die ganze Welt zur Musik. Jede Nachfrage ist an sich bereits ein Angebot, scheint Bel mit Cage zu formulieren, und er lädt dazu ein, "The Sound of Silence" zu hören - als durch stille Phasen unterbrochener Popsong von Paul Simon, der aus einem Ghettoblaster ertönt.

Der Performer Müller gibt die Rolle des Pianisten im Folgenden auf. In "0'00" wird sein Körper zur Klangquelle. Müller intoniert "seinen" Song, das "Love Story"-Thema von Francis Lai und führt das Publikum anschließend Backstage. Dort sind 14 Plattenspieler aufgebaut, und wir können aus Hunderten Platten wählen und nach Herzenslust auflegen.

Das ist auch ein Stück von Cage: "33 1/3". Das Publikum ist Pop. Es spielt selbst mit der Musik. Der vorletzte Akt: "Evéne/Environne METZment". Die Besucher sind Performer. Sie sollen selbst Klänge erzeugen. Die Älteren reagieren zurückhaltend, doch die meisten Jungen lassen sich die Gelegenheit nicht entgehen, sie summen, singen, pfeifen, rufen. Sogar Handys werden aktiviert.

Konsequent, dass sich am Ende etwa 50 Kinder unter die Anwesenden mischen und ihre Musik machen. Sie sind die Zukunftsmusik, die Hinterbühne wird zu einem "House of Music". Bel vermochte Cage aus dem Staub des 70er-Klischees heraus-und an ein breiteres Publikum heranzuziehen. Wieder ist dem Gipfelstürmer ein Höhepunkt der zeitgenössischen Choreografie gelungen. (DER STANDARD, Printausgabe vom 22.11.2004)