Wien - Wegen ihres Personalüberhangs wollen die ÖBB nun in die Bau- und Immobilienbranche vorstoßen. Wie ÖBB-Vorstandssprecher Martin Huber am Montag auf einer Verkehrstagung am Semmering ankündigte, könnten die Bundesbahnen schon Mitte nächsten Jahres mit 2.000 bis 4.000 Mitarbeitern eine neue Baugesellschaft gründen und vor allem um öffentliche Bauaufträge werben. Auch im Immobilienmanagement wollen die ÖBB, die selbst über 26.000 Liegenschaften bewirtschaften, künftig Dienste nach außen anbieten.

"Frühpensionierungen sind gesetzlich möglich"

Der ÖBB-Vorstand reagiert damit auf Kritik der Regierung, die statt kolportierter Frühpensionierungen tausender Mitarbeiter kreativere Managementlösungen gefordert hatten. Dennoch schließt Huber weiterhin Frühpensionierungen zur Kostenoptimierung nicht aus. Die Politik habe ihre Meinung geäußert, müsse aber einsehen, dass man es "nicht jedem Recht machen" könne. "Wir haben uns nicht zurückpfeifen lassen. Im Rahmen unserer aktienrechtlichen Verantwortung werden wir alle möglichen Maßnahmen umsetzen und Frühpensionierungen sind gesetzlich möglich", betonte Huber.

Dass die Frühpensionierung eines 47-jährigen Mitarbeiters unmenschlich sei, wie die Politik kritisiert, weist Huber zurück. Unmenschlich sei es vielmehr, diesen Mitarbeiter über Jahre ohne Arbeit weiter zu beschäftigen.

Umschulungen und Weitervermittlungen

Wie viele Eisenbahner nun tatsächlich in vorzeitigen Ruhestand gehen werden, steht allerdings noch nicht fest. Neben der Expansion in neue Geschäftsbereiche prüfe das Management auch noch, inwieweit zur Qualitätssteigerung zusätzliche Mitarbeiter in den Personenverkehr umgeschichtet werden können bzw. wie Mitarbeiter anderwärtig umgeschult, abgefertigt oder an andere Unternehmen weitervermittelt werden könnten.

Betroffen sein werden vor allem Bereiche, die nicht zum Kerngeschäft der ÖBB gehören - etwa Maler, Spengler, Schlosser oder rund 700 Reinigungskräfte. Außerdem will der neue Bahnchef "bei den Nebenbahnen kreativ sein". Die Bedürfnisse des Kunden würden durch die Nebenbahnen meist ohnehin nicht besonders gut abgedeckt. Busse, so Huber, könnten im Gegensatz zu den Nebenbahnen dichter getaktet werden, direkt durch die Orte fahren und seien darüber hinaus auch in der Erhaltung günstiger.

Abbau von 12.000 Jobs bis 2010

Insgesamt sollen nach dem bisherigen Einsparungsprogramm der ÖBB bis 2010 rund 12.000 Mitarbeiter abgebaut werden. "Aktuellere Daten gibt es derzeit nicht", betont Huber. Eine neue Strategie ist derzeit noch in Arbeit und werde bis Februar kommenden Jahres vorliegen.

Zweifel an den bisherigen Einsparungsplänen kommen von der Gewerkschaft. Das bisherige Programm sei nur ein "völlig virtuelles Konzept" gewesen. "Der Abbau von 12.000 Mitarbeitern würde den völligen Rückzug vom Markt bedeuten", meinte Eisenbahngewerkschaftschef Wilhelm Haberzettl. Tatsächlich seien aktuell nur 534 Mitarbeiter "als verfügbar gemeldet". Erst, wenn klar sei, "wohin sich das Unternehmen bewegt", könne man feststellen, ob künftig über den natürlichen Abgang hinaus ein Personalabbau notwendig sein werde oder nicht.

"Wien-Salzburg noch 2005 in 2,5 Stunden"

Nach der Debatte um die steigenden Kosten beim Bahnausbau hat sich der neue ÖBB-Chef auch für eine neue Reihung der Bahnbauprojekte ausgesprochen. Vor allem die Westbahn sollte rascher als geplant ausgebaut werden, meinte Huber am Montag. Noch im kommenden Jahr soll die Fahrzeit für einzelne Züge zwischen Wien und Salzburg auf zweieinhalb Stunden verkürzt werden. Andere Projekte, etwa der Ausbau der Unterinntal-Strecke, sollen hingegen verschoben werden.

Mehr Geld für den Bahnausbau wird es im kommenden Jahr nach zähen Verhandlungen offenbar nicht geben. Hatte Hubers Vorgänger Rüdiger vorm Walde Anfang Oktober noch fix mit 1,5 Mrd. Euro gerechnet, meint der neue ÖBB-Chef nun: "Wir werden mit 1,3 Mrd. Euro auskommen müssen."

"Transrapid ist kein Thema"

Umgekehrt hatte Vizekanzler und Verkehrsminister Hubert Gorbach (F) erst am Vortag in einem Interview erklärt, dass sich die Kosten für die im Generalverkehrsplan vorgesehenen Bahnprojekte verdoppelt hätten. Aus den bestehenden Mitteln sollten laut ÖBB-Chef Huber daher zunächst nur jene Projekte finanziert werden, die betriebswirtschaftlich sinnvoll seien. Eine Verschiebung des Ausbaus der Unterinntaltrasse halte er "für gut und richtig".

Andere Projekte wie der Koralmtunnel seien außerdem nur teilweise betriebswirtschaftlich finanzierbar, hätten jedoch auch eine volkswirtschaftliche, arbeitsmarktpolitische und standortpolitische Bedeutung. Diese Zusatzkosten müssten aber dann auch durch zusätzliche Mittel von der Volkswirtschaft gedeckt werden, so Huber. Gorbach hatte zuletzt für beide Bahnbauvorhaben ein zeitliches "Stretchen" nicht ausgeschlossen.

Kein Thema ist für ÖBB-Chef Huber die vom Verkehrsminister erwogene Magnetschwebebahn Transrapid. "Den Transrapid überlasse ich dem Vizekanzler alleine. Wir konzentrieren uns mit den bestehenden Mitteln eine Alternative zum Auto zu werden", so Huber. (APA)