Zwei Bilder: ein Video von einer Moschee in Deutschland, ein Hassprediger lässt seine Tiraden gegen die Einwohner des Gastlandes los: die Deutschen seien eine Art Untermenschen, selbst die, die nett zu den Muslimen sind. Denn: sie sind eben keine Muslime, die hilft alles nichts. Das Beunruhigende an der (heimlich gemachten) Aufnahme ist nicht einmal so sehr der fanatische Prediger, sondern die Gläubigen.

Geduldig, ohne ein Widerwort hören sie sich das an. Es gibt keine offene Zustimmung, aber auch keinen klaren Protest, nicht einmal in der Form, dass jemand das Gotteshaus verlässt. Keiner steht auf dagegen. Keiner protestiert gegen den klaren Aufruf zu nationalem und religiösen Hass.

Würde sich - heute - ein christlicher Pfarrer derartiges leisten, wäre er am nächsten Tag in der Zeitung, am übernächsten vom Amt suspendiert, eine Anklage wegen Volksverhetzung stünde im Raum.

Das andere Bild: in Köln demonstrierten am vergangenen Wochenende rund 20.000 Muslime, meist türkischer Abstammung, gegen den Terrorismus im Namen der Religion. Aus allen Teilen Deutschlands waren sei zusammengekommen, um zu zeigen, dass es keine stumme Komplizenschaft, keine schweigende Zustimmung gibt mit den Taten islamistischer Fanatiker, wie dem Mord an dem holländischen Regisseur Theo van Gogh. Der Vorsitzende der türkisch-islamischen Union "Ditip", der größten türkischen Organisation Deutschlands, sagte: "Auf keinen Fall duldet der Islam Terror."

Die deutschen (türkischen) Muslime sind nun also der immer dringenderen Aufforderung gefolgt, endlich Widerspruch anzumelden gegen die anmaßende Intoleranz nicht weniger Islamisten und gegen die unklare Haltung so vieler Muslime zum islamischen Radikalismus. Es war die erste große Willenskundgebung, eine klare Grenzziehung zwischen den universalen werten von Demokratie, Menschenrechten und Rechtsstaat einerseits und einem islamischen Gottesstaatsmodell andererseits. Es war ein muslimisches Bekenntnis zu diesen Werten.

Es war höchste Zeit. Inzwischen steht fest, dass in Europa eine muslimische Parallelgesellschaft existiert, die großteils noch nach archaischen Regeln existiert (Zwangsehen, Unterdrückung der Frauen generell), zum Teil die Gesetze und Regeln der aufgeklärten Gesellschaft ringsherum ignoriert oder aggressiv ablehnt. Das ist wohl die größte Herausforderung, vor die Europa derzeit gestellt ist.

Diese Parallelgesellschaft kann nicht ohne schweren Schaden für die gesamte Gesellschaft geduldet werden, weil sie den tragenden Gedanken der individuellen Freiheit unterhöhlt. Einer Integrationsbereitschaft auf der Seite der europäischen Gesellschaft muss ein Integrationswille auf der Seite der langfristigen Zuwanderer stehen, sagte der deutsche Bundeskanzler Schröder am Wochenende. Das bedeutet nicht die Übernahme einer "deutschen Leitkultur", wie sie die CSU unseligerweise fordert.

Die europäische Leitkultur heißt Demokratie, heißt Rechtsstaat, heißt Grundrechte, schrieb Heribert Prantl in der Süddeutschen. Also das, was man als den "Glauben der Ungläubigen" bezeichnen könnte.

Wer das nicht anerkennt, wer das sogar aktiv bekämpft, ob nun Muslim oder nicht, ist ein Feind. Und zwar ein Feind der besten Lebensform, die Europa in seiner Geschichte jemals gehabt hat. Die demokratische Gesellschaft hat ein Bringschuld gegenüber den Muslimen. Aber auch sie haben eine gegenüber der Gesellschaft, in der sie leben. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.11.2004)