Erst der "Radetzkymarsch" und dann die "Kapuzinergruft": Joseph Roth spiegelte mit der Familiengeschichte der Trottas den wehmütigen Niedergang der k. u. k. Monarchie wider. Von der Heldentat bei der Schlacht von Solferino samt Rettung des jungen Kaisers Franz Joseph - bis hin zu den Worten "Wohin soll ich jetzt, ich, ein Trotta?" Eine Welt des Vergehens, des schon gar nicht mehr Seins. Und so sind es auch nur wenige Orte, die Roth neben der Kapuzinergruft im kaiserlichen Wien beschreibt. Kaffeehäuser werden erwähnt, vom Demel bis zum Café Museum. Das Hotel Regina kommt nebstbei vor. Und dann gegen Ende der Besuch in Steinhof beim verrückt gewordenen Bruder des befreundeten Grafen Chojnicki: "Meine Residenz ist Steinhof", sagt der Wahnsinnige. "Von nun ab, seitdem ich hier wohne, ist es die Haupt- und Residenzstadt von Österreich. Ich bewahre hier die Krone."

Ein Ort in Wien jedoch, der blieb Franz-Ferdinand von Trotta in ganz besonderer Erinnerung: Die "geliebte Wasserwiese im Prater". Denn "niemals vergisst man die Rekruten, die zu gleicher Stunde mit einem das Marschieren erlernt haben, das Gewehrputzen und die Gewehrgriffe, das Packen des Tornisters ...

Und weiter: " Niemals vergisst man dies und die Wasserwiese, auf der man laufen gelernt hat, mit angezogenen Ellbogen und im Spätherbst die Gelenksübungen, im grauen Nebel, der um die Bäume ging und jede Tanne in eine blaugraue Witwe verwandelte und die Lichtung vor unseren Blicken, auf der bald, nach der Zehn-Uhr-Rast, die Feldübungen beginnen sollten, die idyllischen Vorboten des roten Krieges. Nein, das vergisst man nicht. Die Wasserwiese der Einundzwanziger war meine Heimat."

Dämmerlicht

Eine Heimat, die mit dem Reich verging, die es so nicht mehr gibt. Im herbstlichen Dämmerlicht sind die einzigen, die sich hier jetzt körperlich ertüchtigen, zwei Frauen, die ihre Runden joggen. Und die Hunde, die auf der anderen Seite der Straße beim ÖGV Heustadelwasser abgerichtet werden.

Vor allem aber ist die Wasserwiese jetzt Zeuge von dem was mit und nach dem Krieg kam - der großen Not. Auch wenn es immer noch herbstlich versonnen und idyllisch zugeht, in der Kleingartensiedlung Wasserwiese.

Versonnen steht Herr Krascovic in seinem Kleingarten, Gruppe 22, Parzelle 32, schmaucht seine Pfeife und betrachtet das jüngste Werk, das gerade im Entstehen ist: ein Swimmingpool.

Die Häuser auf der Wasserwiese seien "eine klassische Siedlung aus der Schrebergartenbewegung nach dem Ersten Weltkrieg", weiß Herr Krascovic uns zu berichten. Obstbäume zeugen noch von dieser Zeit, wie auch die Gemüsebeete, "eine wichtige Zukost, die damals sehr viel bedeutet hat."

Heinz Krascovic ist seit 1972 auf der Parzelle 32 und liebt sie - "es ist ja, als würde man in London im Hydepark wohnen". Obstbäume und Gemüsebeete hat er sich erhalten, "das ist für mich etwas sehr Wertvolles, ein schönes Hobby. Paradeiser, direkt am Strauch gereift - das ist einfach wunderbar."

Dorf in der Stadt

Und dankbar ist der passionierte Schrebergärtner. "Wir hatten Glück, dass damals die Politik mitgespielt hatte. Als man Hütteln, die an Notzeiten erinnerten, eigentlich nur noch weg haben wollte, hat der Dr. Zilk gesagt: Na dann gebt sie ihnen doch." Jetzt sei die Siedlung "praktisch ein Dorf in der Stadt. Die Gruppenleiter sind der Gemeinderat, der Obmann unser Bürgermeister."

Dem Gemüse und dem Swimmingpool kann sich Herr Krascovic jetzt ausführlicher widmen, seit er als Techniker beim ORF in Pension gegangen ist. Seinerzeit, als er seinen Wehrdienst leistete, war der Prater für ihn noch kein Thema. In den 60er- Jahren war er in Salzburg bei der Grundausbildung. Als Feinmechaniker diente er dann.

Aber das ist ihm sichtlich nicht mehr sehr wichtig. Bei Weitem nicht so wichtig, wie die geliebte Wasserwiese im Prater. (Roman David-Freihsl, Christian Fischer/DER STANDARD; Printausgabe, 24.11.2004)