Schon die U-Bahn-Station ist atemberaubend. Zwischen den gigantischen grauen Wänden wirken die Menschen wie Zwerge, völlig untypisch für das sonst eher kleinteilig gebaute Röhrensystem der Londoner "Tube". Die Rolltreppe am Ende der Halle fährt hinauf in eine flache Glaskuppel, draußen steht man im Schatten dieser Riesen aus Glas und Stahl, die den neuen Finanzbezirk Canary Wharf bilden.

One Canada Square, der höchste Büroturm, überragt mit seinem Spitzdach die ganze Stadt. 50 Stockwerke, 244 Meter hoch. Neben dem 1991 eingeweihten Erstling sind jüngst zwei weitere Wolkenkratzer entstanden, sodass London im Ex-Hafenviertel der Isle of Dogs allmählich Manhattan zu ähneln beginnt.

Gestern, Dienstag, geisterte Canary Wharf als potenzielle Zielscheibe islamistischer Fanatiker durch die britische Presse. Nicht zum ersten Mal, aber diesmal läuteten die Alarmglocken besonders schrill. "Vereitelt: 9/11-Komplott in London", titelte das Boulevardblatt The Sun.

Al-Kaida habe geplant, Flugzeuge auf Canary Wharf stürzen zu lassen, berichtete der Fernsehsender ITV News. Auch den Flughafen Heathrow habe es treffen sollen. Die Behörden hätten aber verhindert, dass eine Terrorzelle Piloten ausbilden konnte. So fett die Titel waren, so dramatisch die TV-Nachrichten: Bisher fehlt jeder Beweis. Als der Guardian bei den Geheimdiensten nachfragte, erfuhr er, dass die von Attentatsplänen nichts wussten: "Diese Behauptung überrascht uns."

Sehr skeptisch

Überprüfen lässt sich kaum, ob etwas dran ist an der neuesten Terrorstory. Doch nach den Erfahrungen der letzten drei Jahre begegnen die Londoner Warnungen à la Canary Wharf sehr skeptisch. Bislang blieb die Siebenmillionenstadt von Al-Kaida-Bomben verschont, was natürlich nicht heißt, dass dies immer so bleibt. Drei Viertel der Briten stimmen Innenminister David Blunkett zu, wenn der prophezeit, ein Anschlag sei eine Frage des Wann, nicht des Ob. Zugleich verdächtigen viele den Law-and-order-Mann von Premier Tony Blair, absichtlich Panik zu schüren. Zu oft entpuppte sich eine seiner Warnungen als blinder Alarm.

So fuhren im Februar 2003 Panzer an den Terminals von Heathrow auf. Terroristen wollten ein Flugzeug mit Raketen abschießen, hieß es. Das Gerücht verlief sich im Sande. Im März 2004 beschlagnahmte Scotland Yard in einem Londoner Lagerhaus eine halbe Tonne Dünger. Acht britische Muslime wurden festgenommen, wieder war von einer Attacke auf Heathrow die Rede. Im April schnitt die geheime Abhörzentrale in Cheltenham ein Telefonat mit und schlug Alarm: Angeblich wollte ein Finsterling auf der Insel eine Chemiebombe zünden.

Es sei besser, einmal zu oft zu warnen als einmal zu wenig, rechtfertigt Blunkett die ständigen Notrufe. Bürgerrechtler und Anwälte dagegen werfen ihm vor, Angst zu verbreiten, um restriktive Gesetze durchzusetzen. So möchte Blunkett Antiterrorgerichte schaffen, die entgegen angelsächsischer Tradition nur mit professionellen Richtern arbeiten. Geschworene, glaubt er, können von Terroristen leicht eingeschüchtert werden. Zudem will er Informationen aus Lauschangriffen als Beweismittel zulassen. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.11.2004)