Bild nicht mehr verfügbar.

Waris Dirie auf einem Archivbild vom Juni 2004
Foto: REUTERS/Christian Charisius
Linz - Waris Dirie, Ex-Model aus Somalia und UN-Sonderbotschafterin, schätzt, dass rund 8.000 Frauen in Österreich leben, die von Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation FGM) betroffen sind. FMG werde auch in Österreich durchgeführt. Das erklärte Dirie in einem Interview in der jüngsten Ausgaben der Kirchenzeitung in Vorarlberg, Tirol und Oberösterreich.

In dem Interview stellt die UNO-Sonderbotschafterin, die am Donnerstag den Oscar-Romero-Anerkennungspreis der Katholischen Männerbewegung (KBM) erhält, fest, FGM sei auf der ganzen Welt ein Problem - auch in Österreich. Es sei sehr gefährlich, die Augen davor zu verschließen und zu denken, das gehe uns nichts an. Das würden irgendwelche barbarischen Völker in Afrika machen. "In Österreich leben schätzungsweise 8.000 Frauen, die davon betroffen sind", berichtete Dirie. Sie würden auf völliges Unverständnis stoßen - bei ÄrztInnen, bei Behörden.

FGM in Österreich

"So viel wir wissen werden in Österreich auch Genitalverstümmelungen durchgeführt. Eine Studie der afrikanischen Frauenorganisation hat ergeben, dass ein Drittel der afrikanischen Familien ihre hier geborenen Töchter beschneiden lässt. 88 Prozent davon machen es in Afrika, der Rest aber in Europa, vor allem in Deutschland und Holland aber auch in Österreich. Wir wissen aber nicht, wer das tut und wo", wird Dirie in der Kirchenzeitung zitiert.

Es gebe in Österreich ein Gesetz, das FGM verbiete - auch im Erwachsenenalter. Aber es gebe noch keinen gerichtsanhängigen Fall. Insofern wisse man nicht, ob der Rechtsschutz ausreiche. Was auf jeden Fall fehle sei Präventionsarbeit: "Denn was nützt ein Gesetz, wenn sich niemand daran hält?" fragte Dirie.

Prävention in anderen Ländern

Sie verwies darauf, dass die Gefahr groß sei, dass in Österreich lebende Töchter von afrikanischen Familien beim Aufenthalt im Herkunftsland dem Ritual unterzogen würden. In Österreich sei das Wissen darüber wenig verbreitet. In anderen Ländern - etwa in Frankreich - gebe es ein ausgeklügeltes System: SozialarbeiterInnen, LehrerInnen, ÄrztInnen, Krankenschwestern seien informiert und wüssten, worauf sie achten müssen.

Wenn eine Familie mit ihrer Tochter im kritischen Alter nach Afrika fahre, würden sie mit den Eltern sprechen, sie über die gesetzlichen Folgen aufklären und ihnen offizielle Briefe mitgeben. Darin werde den Verwandten erklärt, dass die Eltern ins Gefängnis müssten, wenn jemand dem Kind etwas antue. "Das alles fehlt in Österreich", kritisiert Dirie: "Selbst wenn jemand Verdacht schöpft, wüsste er nicht, an wen er sich wenden soll. Es ist ja nicht einmal klargestellt, ob es in Österreich strafbar ist, FGM im Heimatland durchzuführen - etwa wenn es dort nicht verboten ist.

Keine Religionsfrage

Wie Waris Dirie weiters unterstrich, habe die Genitalverstümmelung von vornherein nichts mit Religion zu tun. Sie werde etwa in Ägypten auch in christlichen Gemeinden praktiziert. Die Tradition sei viel älter als das Christentum oder der Islam. Trotzdem würden heute oft religiöse Vorwände herangezogen: "Es gibt viele islamische Prediger, die sagen, dass die Verstümmelung vom Propheten empfohlen ist. Das ist eine Katastrophe". In Österreich würden Muslime zwar beteuern, das das nichts mit Islam zu tun habe, es werde aber auch nicht dagegen gepredigt. "Jeder Imam, der sich nicht aktiv gegen die Genitalverstümmelung einsetzt, macht sich an den Frauen schuldig", sagte Dirie.

Die katholische Kirche müsse in dieser Frage vor allem eine klare Position beziehen, forderte die UNO-Botschafterin. Der Preis der Katholischen Männerbewegung bedeute ihr sehr viel, sagte sie. Die Genitalverstümmelung werde zwar von Frauen an Frauen durchgeführt, letztlich seien aber die Männer verantwortlich, "denn ein unbeschnittenes Mädchen findet in afrikanischen Gesellschaften noch immer sehr schwer einen Mann". Zugleich hätten Männer keine Ahnung, was die Verstümmelung für Frauen bedeute und welch "unsägliches Leid" damit verbunden sei.

Zu ihrem persönlichen Engagement meinte die Somalierin, dass sie dafür auch bedroht werde. Man werfe ihr vor, die eigene Kultur und Tradition zu verraten und gegen die eigenen Landsleute zu hetzen. (APA)