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Vladimir Horowitz

Foto: Archiv
Zweifellos hätten leidenschaftliche Horowitz-Fans die Frage, ob Horowitz der größte Pianist des 20. Jahrhunderts wäre, mit einem jauchzenden Ja beantwortet. Aber wer kann das nachmessen? Die Behauptung jedoch, Horowitz sei der fesselndste und aufregendste Klavierspieler seiner Epoche gewesen, er hätte über mehr Virtuosität und Sonorität verfügt als die allermeisten Kollegen - scheint zutreffender. Horowitz war schon zu Lebzeiten ein Mythos. Ein Pianist - und das selten - nicht nur fürs große Publikum, sondern auch für Pianisten! Als er dem jungen Serkin 1927 Chopins Ballade g-moll vorgespielt hatte, fiel der "fast vom Stuhl vor Staunen. Die Weißglut seines Spiels, Feuer und Leidenschaft waren unglaublich, und mir standen die Haare zu Berge".

Horowitz hielt die Überspannung des Konzertierens nie lange aus. Seine Karriere war oft unterbrochen von jahrelangen Pausen, Rückzügen, nervösen Zusammenbrüchen. Als er 1965 nach zwölfjähriger Pause sein Comeback wagte, standen die New-Yorker-Fans drei Tage lang an! Was dieser Supervirtuose "konnte", lehrt die Eleganz, die Subtilität, die fabelhafte Perfektion seines Scarlatti-Spiels. Vollendeteres, pointierteres Gleichmaß ist kaum vorstellbar. Aber er meisterte auch große Formen, wie Robert Schumanns riesige "Humoreske" in seiner Einspielung von 1979, mit bezwingendem lyrischen und dramatischen Ausdruck.

Bietet da bereits den innig-langsamen Anfang mit überwältigender Zartheit und wunderbaren Schattierungen, mit faszinierend-subtiler Nervosität. Gegen Ende des Werkes verlangt Schumann glühend Ekstatisches. Horowitz gibt alles das mit hinreißender Majestät, suchender Virtuosität und affirmativem Esprit. Die "Humoreske" wird zur Entdeckung. Dass er die wilden Oktaven des Tschaikowsky'schen Klavierkonzertes in b-moll furios hinlegen kann - schon bei seinem Debüt-Konzert in New York - weiß die Klavierwelt. Ungeheuerlich, wie Horowitz zusammen mit Toscanini nach abenteuerlichstem Aufschwung am Ende des Finales einen russischen Hymnus zelebriert. Bei Mussorgskys "Bildern einer Ausstellung" hat Horowitz den Klaviersatz pianistischer, vielfältiger gemacht und das Werk spannungsvoll gesteigert zum russischen Kultstück, zur Mixtur aus Brutalität und Raffinement. So sehr er Chopin liebte und dämonisierte: Über alle Kritik erhaben schienen seine Skrjabin-und Liszt-Interpretationen. Wie er etwa den düster-wilden Witz der 2. Rhapsodie meistert, oder Weltschmerz und rieselnde Virtuosität von Liszts "Au bord d'une source": daran reicht keine Lobeshymne. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.11.2004)