Die Einführung einer kostenlosen Vorschule, einer gemeinsamen Schule der Sechs- bis 15-Jährigen und ein Abgehen von der starren 50-Minuten-Unterrichtsstunde - das sind die Lehren, die Österreich nach Ansicht des Sozialexperten der Armutskonferenz, Martin Schenk, aus dem Vergleich mit den erfolgreichsten Staaten in der PISA-Studie ziehen sollte. In Staaten wie Finnland und Kanada gelinge es wesentlich erfolgreicher als in Österreich, die Chancen von Kindern mit unterschiedlicher sozialer Herkunft zu wahren, so Schenk bei einer Pressekonferenz am Donnerstag in Wien.

Für ihre Analyse haben die Sozialwissenschafterin Barbara Herzog-Punzenberger und Schenk die Schulsysteme in Kanada und Finnland unter die Lupe genommen und mit den Ergebnissen der PISA-Studie 2000 verglichen. In Kanada wiederum wurde besonderes Augenmerk auf die Provinz Alberta gelegt, deren Teil-Resultate wiederum sogar besser gewesen waren als im Siegerland Finnland.

Gleichzeitig wandte sich Herzog-Punzenberger gegen die etwa von FPÖ und Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (V) vorgebrachte Interpretation, dass sich das nur mittelmäßige Ergebnis Österreichs durch den hohen Ausländeranteil an den Schulen erklären lasse. Bei PISA 2000 wären drei der ersten fünf Plätze im Lesen mit Kanada, Australien und Neuseeland von klassischen Einwanderungsländern eingenommen worden. In Kanada wiederum hätten die Kinder von Einwanderern bessere Lese-Leistungen erbracht als die "einheimischen" Schüler in Österreich. 21 Prozent der im Jahr 2000 getesteten Schüler in Kanada seien Kinder von Einwanderern gewesen, 13 Prozent davon würden daheim nicht die Unterrichtssprache sprechen (Österreich: sieben Prozent).

Trotzdem seien die kanadischen Schüler bei PISA erfolgreicher als die Österreicher, so Herzog-Punzenberger. Das "Rezept" dafür: In Bildungsfragen sind die einzelnen Provinzen autonom, die Schulpflicht beträgt mindestens zehn Jahre. Vorschulerziehung ist nicht verpflichtend, wird aber trotzdem von mehr als 90 Prozent der Fünfjährigen angenommen. Außerdem kennt das kanadische Bildungssystem keine Differenzierung in unterschiedliche Schulformen, die Schüler verbringen den ganzen Tag in der Schule. Leistungsschwache Schüler müssen keine Klasse wiederholen, sondern bekommen gezielten Förderunterricht, die Leistungsbeurteilung besteht aus einer Ziffernnote sowie einer ausführlichen verbalen Begründung. Die Lerneinheiten sind über den ganzen Tag verteilt, Team- und Projektarbeit sind wichtige Teile der Beurteilung.

Alle Lehrer (auch für die Vorschulen) werden universitär ausgebildet. Trotz hohen Bedarfs an Pädagogen existieren an den Hochschulen Zulassungsbeschränkungen für Lehramtskandidaten. Im Beruf sind sie dann verpflichtet, sich bis zu 40 Tage im Jahr weiterzubilden. (apa)