Roman Berger

Nichts mehr erinnert an sein früheres Aussehen. Salman Radujew hat ein künstliches Auge und eine neue Nase. Im einfachen Büßerhemd eines Gefangenen, ohne Sonnenbrille und pompöse Uniform eines Rebellengenerals, konnte nun die russische Öffentlichkeit den tschetschenischen Freischärler im staatlichen Fernsehen beobachten. Der föderale Geheimdienst hat Radujew am vergangenen Wochenende in einer nicht näher beschriebenen Aktion gefangen genommen und dann nach Moskau in ein Gefängnis gebracht.

Radujew gelangte erst am Ende des ersten Tschetschenien-Krieges (1994-1996) in die Schlagzeilen. Im Jänner 1996 hatte er in der östlichen tschetschenischen Nachbarrepublik Dagestan an der Spitze seiner Kämpfertruppe namens "Einsame Wölfe" in einem Spital mehr als 3000 Geiseln genommen. Es gelang ihm, durch die um den Ort errichtete Sperre den russischen Truppen zu entkommen.

Kurz darauf wurde er von einem Kommando am Kopf schwer verletzt. Über Aserbaidschan gelangte Radujew in den Nahen Osten und weiter nach Deutschland. Dort wurde sein verunstaltetes Gesicht mittels plastischer Chirurgie einigermaßen wiederhergestellt.

Der Angriff in Dagestan hätte sich nicht gegen ein Spital, sondern gegen eine militärische Anlage der Russen richten müssen, tadelte der damalige tschetschenische Präsident Dschochar Dudajew öffentlich den 28-jährigen Radujew, der mit einer Nichte Dudajews verheiratet ist.

Radujew blieb unbelehrbar. Während die tschetschenische Führung unter Aslan Maschadow mit Moskau zu verhandeln begann, erklärte der Heißsporn Russland den "Heiligen Krieg".

Mit seinen Drohungen, Russlands Städte mit Terroranschlägen zu überziehen, ja sogar Atomwaffen einzusetzen, machte sich Radujew vollends unglaubwürdig. 1998 wurde er von einem tschetschenischen Gericht zu vier Jahren Gefängnis verurteilt, nachdem er zum gewaltsamen Sturz des gewählten Präsidenten Maschadow aufgerufen hatte.

Mehrmals wurde Radujew in den vergangenen Jahren tot-gesagt, zweimal soll er sich im Koma befunden haben. Er benötigt regelmäßig ärztliche Hilfe. In Moskau erwartet ihn eine psychiatrische Untersuchung. Die Gefangennahme Radujews sei ohne Schusswechsel erfolgt, heißt es. Der Feldkommandant war offenbar nur noch von wenigen Kämpfern umgeben.

Dennoch wird das Ereignis von den staatlichen Medien als großer Erfolg gefeiert. Nach fast sechs Monate dauernder "antiterroristischer Operation" und kurz vor den russischen Präsidentschaftswahlen musste endlich ein Terrorist gefunden werden. In Wirklichkeit aber wurde ein "einsamer Wolf" gefangen genommen.