Was veranlasst Menschen zum Spenden?
Alfred Pritz: Spenden lernt man schon in der Kindheit, durch die Bereitschaft der eigenen Eltern, für ihre Kinder zu sorgen. Das ist das Vorbildmodell. Im Wesentlichen geht es um Mitgefühl mit Menschen, denen es nicht so gut geht. Das ist das zentrale Motiv. Schuldgefühle spielen sicher auch eine gewisse Rolle, aber auch dahinter steht eine gewisse Form des Altruismus, der Identifikation mit demjenigen, dem es schlechter geht.

Aber Erlagscheine auszufüllen hat noch nichts mit Fürsorge zu tun.
Pritz: Mitgefühl steckt dahinter, und das darf man nicht abtun. Wie soll man sonst spenden? Natürlich ist das eine bequeme Form, aber nichtsdestoweniger ist es eine Möglichkeit, sein Mitgefühl zu zeigen.

Der typische österreichische Spender ist weiblich und über 50 Jahre alt. Ist das überraschend?
Pritz: Ich kann nicht beurteilen, ob das signifikant ist. Es ist nahe liegend, dass das Mütterliche da am stärksten durchkommt. In diesem Alter sind die Kinder in der Regel schon erwachsen, und trotzdem gibt es ein Bedürfnis nach Fürsorge und Kümmern.

Was passiert psychologisch, wenn sich Leute beim Spenden total verweigern?
Pritz: Man muss das genau anschauen: Oft engagieren sich so genannte Spendenverweigerer auf anderen Gebieten umso mehr. Leute, die lieber etwas im direkten Kontakt machen. Aber natürlich gibt es die Verweigerer, die sich ganz mit den Opfern und Bedürftigen identifizieren und meinen, eigentlich müsste man ihnen selbst etwas geben. Das sind meist emotional zu kurz Gekommene, die, ohne tatsächliche Bedürftigkeit, ständig das Gefühl haben, zu wenig zu haben.

Glauben Sie, dass in unserer Gesellschaft die Spendenverweigerer mehr werden?
Pritz: Nein. Es kommt jedes Jahr zu neuen Spendenrekorden, und die Bereitschaft in Österreich ist generell groß und auch positiv zu bewerten.

Warum spenden die Leute lieber für nationale und weniger für internationale Hilfsprojekte?
Pritz: Das ist nahe liegend. Erstens ist internationales Leid weit weg. Zweitens geht es hier um die Frage der Kontrolle über die Spendenmittel. Da herrscht die Vorstellung, dass hier zu Lande die Sicherheit, dass die Mittel nicht versickern, größer ist.

Trotzdem spenden manche Menschen auch gerne für entfernte Katastrophen und schauen bei Not in unmittelbarer Nähe gerne weg.
Pritz: Das stimmt, da gibt es eine Ambivalenz, und die hat wiederum mit der Nähe zu den Betroffenen zu tun. Wenn man in irgendeiner Form eine Beziehung zum Opfer hat, kennt man nähere Umstände, wie es zu einem Leid kam. Im Unterschied zu Naturkatastrophen, die treffen Leute ohne Schuld. Deshalb wird auch am liebsten bei tragischen Ereignissen gespendet.

Wie viel Leid darf in der Werbung zu Spendenaufrufen drinnen sein?
Pritz: Es geht immer um Glaubwürdigkeit. Man will, dass die Spenden ankommen. Das ist die wichtigste Spendenmotivation. Die Caritas beispielsweise wird deswegen gerne unterstützt, weil man das Gefühl hat, dass die mit Geldern verantwortungsvoll umgehen. Manchmal sind Werbeauftritte zu kompliziert. Es braucht auf diesem Gebiet klare Botschaften und keine zu moralischen Appelle.

Wirkt Spenden bewusstseinsverändernd? Pritz: Spenden hat einen positiven Effekte auf die Psyche. Es beruhigt, Gutes zu tun. Spenden ist keine arrogante Geste. Warum sollen Spender nicht bequem leben dürfen? Natürlich ist man froh, in Frieden und finanziell abgesichert zu leben. Das ist nur menschlich. (Mia Eidlhuber, DER STANDARD Printausgabe 18/19.12.2004)