Bild nicht mehr verfügbar.

Forschung im Grundlagen-
bereich: Müssen derartige Arbeiten von vornherein auf ein Ziel gerichtet sein, oder soll dem Zufall mehr Bedeutung zugemessen werden?

Foto: APA/dpa/Jan-Peter Kasper
Alle seriösen Forschungsförderungsorganisationen greifen weltweit auf die Prüfung von eingereichten Forschungsanträgen durch unabhängige, erfahrene, wissenschaftlich bestens ausgewiesene Experten (Peers) zurück. Für Laien und auch für mit Wissenschaftsfragen befasste Politikerinnen und Politiker ist die Tatsache schwer verständlich, dass diese Gutachten (Peer Reviews) von solchen Fachleuten bisher meist unentgeltlich durchgeführt werden. Dies gilt übrigens nicht nur für Forschungsförderungsorganisationen, sondern auch für Manuskripte, die bei wissenschaftlichen Zeitschriften eingereicht werden. Man kann dieses Procedere des ehrenamtlichen Peer Reviewing daher auch als Milizsystem bezeichnen. Bisher hat das Milizsystem gut funktioniert, weil die Anfrage, als Peer zu fungieren, eine Auszeichnung darstellte und gegenseitig praktiziert wurde, daher auch prestigeträchtig war.

Aufgrund der - nicht nur in Österreich - Zunahme der Zahl der eingereichten Forschungsprojekte auf der einen Seite und der Notwendigkeit, dass auch die Gutachterinnen und Gutachter selbst gute wissenschaftliche Resultate produzieren müssen - und daher nur über ein sehr eingeschränktes Zeitbudget verfügen - stößt dieses Milizsystem zunehmend an Grenzen, und es werden andere Möglichkeiten diskutiert, die sich übrigens meist an US-amerikanischen Gepflogenheiten orientieren. Ein weiteres Problem bei der jetzigen Situation besteht darin, dass Gutachterinnen und Gutachter dazu neigen, risikoreiche, also abseits der wissenschaftlichen Hauptstraßen verlaufende Projekte, besonders kritisch zu beurteilen.

So stimmt es sicher, dass im wissenschaftlichen Mainstream verlaufende Projekte größere Erfolgschancen haben, aber es sind gerade die verrückten, risikoreichen Forschungsvorhaben, die Neuland betreten und ein ganzes Fachgebiet weiterbringen. Dazu gibt es in meiner eigenen Fachdisziplin, der Medizin beziehungsweise der Zell- und Molekularbiologie, zahlreiche Beispiele aus jüngster Vergangenheit. Wer hätte gedacht, dass Magengeschwüre durch Bakterien bedingt werden, die in hochsaurem Milieu überleben können und nun mit einer adäquaten Antibiotika-Therapie ausgerottet werden können? Wenn jemand bei einer Biochemieprüfung vor 30 Jahren das Dogma "ein Gen kodiert für ein Protein" angezweifelt hätte, hätte dies zum sofortigen Ende dieses Examens geführt. Der Japaner Susumu Tonegawa hat dann am Basel Institut für Immunologie unter Bedingungen eines völlig freien wissenschaftlichen Wildwuchses mit - keine Anwendung postulierender - Unterstützung der Firma Roche gezeigt, dass dieses Dogma für eine bestimmte Art von Eiweißstoffen, die uns vor Infektionen schützenden Antikörper, nicht gilt. In diesem Fall kommt es nämlich zu einer zufälligen Kombination von mehren Genen, deren Produkt dann für ein einziges Protein, eben den Antikörper, kodiert. Ein Forschungsansuchen mit diesem Ziel wäre meiner Meinung nach zum Zeitpunkt dieser Arbeiten in den späten 1970-Jahren von keiner Forschungsförderungsorganisation der Welt positiv beurteilt worden.

Auch das von John Mullis entwickelte Konzept der so genannten Polymerase Kettenreaktion (Polymerase Chain Reaction - PCR) fußt auf einer ganz unkonventionellen, weitab von der dem molekularbiologischen Mainstream angesiedelten Idee, die ihm - zumindest nach eigenen Angaben - am Surfbrett im Pazifik gekommen ist. Auch aus allen anderen Fachgebieten inklusive der Geistes-und Sozialwissenschaften könnten solche Beispiele gebracht werden, man denke nur an die Formulierung unkonventioneller, ökonomischer Konzepte, die die Weltwirtschaft revolutioniert haben, von den Naturwissenschaften und der Technik ganz zu schweigen. Forschungsförderungsorganisationen müssen daher Mechanismen entwickeln, um auch eine Realisierung risikoreicher Projekte zu gewährleisten, insbesondere, wenn sie von jungen, keinen Konventionen unterworfenen Wissenschafterinnen und Wissenschaftern konzipiert werden.

Ein weiteres, ähnliches Problem ist die Förderung trans-und interdisziplinärer Forschungsvorhaben. Hier ist die Auswahl von kompetenten und fairen Peers besonders kritisch. Ein Nano-Projekt auf dem medizinischen Sektor kann in diesem Fall beispielsweise nicht mehr allein von den entsprechenden medizinischen Fachleuten beurteilt werden, sondern es muss auch Know-how von Physikern, Chemikern und Technikern einfließen. Gerade interdisziplinäre Projekte sind aber besonders zukunftsträchtig und erfolgsversprechend, weil sie intelligente Köpfe mit verschiedener Expertise auf ein Problem ansetzen.

In diesem Zusammenhang scheint mir persönlich der aus dem Englischen nicht ins Deutsche übersetzbare Begriff Serendipity besonders wichtig. Unter Serendipity versteht man das Auftreten eines nicht erwarteten, überraschenden Zufallsbefundes. Das Wort hat seinen Ursprung im Märchen der Prinzen des Landes Serendip, der Bezeichnung für das frühere Ceylon, das jetzige Sri Lanka. Die drei Prinzen aus Serendip sind inkognito in ihr Land ausgezogen, um sich über dieses zu informieren, und jeder hat nach etwas Bestimmtem gesucht, aber alle haben etwas ganz anderes, Unerwartetes gefunden. In meiner eigenen wissenschaftlichen Karriere war Serendipity der wichtigste Erfolgsfaktor. Ein Zufallsbefund kann allerdings nur dann Frucht bringen, wenn daraus die richtigen Schlüsse gezogen werden. Hier gilt also die Formel: Serendipity = luck meets prepared mind.

Wissenschafterinnen und Wissenschafter müssen immer bereit sein, vom ursprünglich konzipierten, im gegebenen Forschungsprojekt skizzierten Weg zur Lösung eines bestimmten Problems abzuweichen, wenn sich andere, unerwartete und interessante, aber risikoreiche Nebenwege eröffnen. Forschungsförderungsorganisationen sollten derartige Abweichungen tolerieren, und diesem Überraschungsfaktor kann, wie oben ausgeführt, gar nicht genug Bedeutung beigemessen werden.

Es tut daher weh, wenn der Wissenschaftsfonds wegen chronischer finanzieller Restriktionen viele gute und originelle Forschungsprojekte nicht fördern kann. Wenn wir dem immer wieder strapazierten Brain drain entgegenwirken wollen, wäre es doch bei uns zu Hause die beste Gelegenheit, junge, innovative Köpfe zu fördern, und so Brain gain zu betreiben anstatt Frustration zu erzeugen. (DER STANDARD, Print, Album, 24./25./26.12.2004)