Es ist ein Stück gegen das Theater - mit theatralen Mitteln. Und es ist ein Stück gegen das Publikum, handelt indes fast nur von ihm.

Peter Handkes 60er-Jahre-Skandalstück Publikumsbeschimpfung ist heute ein Klassiker, viel zitiert aber eher wenig gespielt. Im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses Hamburg interpretierte nun Sebastian Hartmann das Stück, einer der jungen wilden Stars jener Richtung im Sprechtheater, die man neuerdings als postdramatisch zu bezeichnen pflegt. Ein ungemütlicher Ort mit Leuchtstreben und allerlei herumliegendem Tand begrüßt das Hamburger Publikum - ein großes Eisengitter trennt Spieler und Bespielte. Schummrige Videobilder zeigen Ausschnitte der Uraufführungsinszenierung jenes Textes, der in den kommenden knapp drei Stunden nur eine kleine Rolle spielt: als Füllmaterial zwischen mäßig komischen Gags und zum Teil recht eindrucksvollem Körpertheater.

Das vierköpfige Hamburger Ensemble (Felix Goeser, Guido Lambrecht, Thomas Lawinky, Peter Rene Lüdicke) entledigt sich bald jeglicher Abgrenzung, die vier schieben den eisernen Vorhang beiseite, klettern halbnackt ins Publikum, schimpfen und säuseln, reden wirr und irr - zwei kämpfen gestisch sehr ausladend gegeneinander, einer knallt seinen Kopf gegen jede nur mögliche Wand, ein anderer outriert in eng anliegendem Superman-T-Shirt (Ausstattung: Ulli Smid, Lili Wanner) zusammenhanglose Textstückchen, drei dieser lustigen Gesellen pusten sogar ihren Kollegen als gigantischen Luftballon auf, alle viere beschmeißen sich mit Mehl - und ganz selten fallen dann auch mal einige Fetzen des Handke-Textes.

Kindergeburtstag

Man spricht, schreit, keucht, springt, turnt, taumelt, tänzelt, überschlägt sich. Ein stumm bleibendes Flittchen (Carlotta Mondino) heizt die Stimmung zudem noch ein bisschen an. Das klingt immerhin wie ein recht lustiger Kindergeburtstag, allerdings nutzen sich diese dramatischen Mittel immer wieder erstaunlich schnell ab - und langweilen. Von Handke bleibt fast nichts und weder als Subtext noch als Kommentar geht dies anstrengend-angestrengte Tohuwabohu durch.

Nach etwa Zweidreiviertelstunden, inklusive einer halbstündigen "Pause" (die Akteure schweigen, das Publikum kichert zaghaft, hustet aber lautstark) dann doch noch eine Überraschung: Feuer! Qualm! Es brennt!!

Materialschlacht

Schwaden beißenden Rauchs ziehen durch den kleinen Malersaal und nach einer immensen pyrotechnischen Materialschlacht samt gefluteter Bühne sind plötzlich alle vereint: Die Schauspieler schlagen sich ins Publikum und jeder wartet auf irgendwas, möglicherweise darauf, dass alles vorbei ist und nun endlich geklatscht und hernach gegangen werden darf. Ob man nun darf oder soll oder nicht: höflich, jedoch enden wollend wird den Akteuren applaudiert, und dann nichts wie raus aus dieser immer noch stinkend-düsteren Theaterhölle.

Hartmanns Publikumsbeschimpfung böte einem aufgeweckten Publikum aber dennoch einige Anschlusspunkte, um etwa selbst aktiv ins Geschehen einzugreifen. Indes die Hanseaten trauten sich da wenig und blieben ruhig auf ihren Sitzen - nur wenn's mal lauter wurde, wagten einige schnell und lautlos die Flucht. So liegt eine mögliche Rettung dieser Produktion wohl nur in einer Einladung z. B. zu den Salzburger Festspielen - wobei dann im Programmheft das Attribut "umstritten" deutlich markiert werden müsste. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 12. 2004)