Der Kandidat hat zu einem legitimen Mittel gegriffen. Er will die Wahlergebnisse mit vier konkreten Klagen anfechten. Der Sieg seines Kontrahenten sieht in einigen Bezirken tatsächlich etwas verdächtig aus. Im westukrainischen Gebiet Ternopol, mit mehr als einer Million Einwohner, sollen am vergangenen Sonntag 96 Prozent der Bevölkerung für Viktor Juschtschenko gestimmt haben, in L’viv fast 94 Prozent. Als nach der ersten Stichwahl am 21. November bekannt wurde, dass Viktor Janukowitsch mit ähnlichen Ergebnissen in der Ostukraine gewonnen haben soll, war man sich im Westen einig: Da stimmt doch etwas nicht.

Das Oberste Gericht hat nun angekündigt auch die Klagen Janukowitsch’ zu prüfen. Dies sollte mit genau der selben Sorgfalt und dem selben Zeitaufwand geschehen wie vor einem Monat, als die Opposition darauf bestand. Egal, ob es sich bloß um ein taktisches Manöver Janukowitsch’s handelt und obwohl klar ist, dass Juschtschenko die Mehrheit hinter sich hat.

Die Revolutionäre haben in der Ukraine einen Demokratisierungsschub ausgelöst. Das ist nicht in erster Linie daran zu erkennen, dass der Oppositionskandidat beim zweiten Anlauf gewonnen hat, sondern daran, dass das Oberste Gericht für eine Überprüfung des Ergebnisses der ersten Stichwahl gesorgt hat, wie es einem Rechtsstaat entspricht. Die Richter haben sich aus der Umklammerung der Staatsmacht befreit. Nun steht auch die frühere Opposition vor einer Bewährungsprobe.

Obwohl die OSZE bestätigt hat, dass die Stichwahl vom vergangenen Sonntag weit näher an die internationalen Standards herankam, als die Wahlen zuvor, heißt das noch nicht, dass es zu keinen Manipulationen gekommen ist. Je genauer das Gericht nun prüft, desto nachhaltiger werden die Errungenschaften der Revolution wirken. Selbst wenn das bedeutet, dass die Wahlen nochmals durchgeführt werden müssen. Und auch, wenn das "orange Lager" dabei zuschauen muss, wie sich die Kronzeugen der alten Macht mit Diplomatenpässen ins Ausland absetzen, während es auf die Machtübernahme wartet.

Wenn Viktor Juschtschenko mit den Methoden und Machenschaften des alten autokratischen Regimes wirklich brechen will, muss er warten, bis alle Einsprüche gegen die Wahl geklärt sind. So verlangt es die Verfassung. Und auch wenn Janukowitsch seine Niederlage nicht eingestehen will und das Parlament ihm längst das Vertrauen entzogen hat, dürfen die orangen Parteigänger ihn nicht daran hindern, das Regierungsbehörde zu betreten. Schließlich ist er noch immer der rechtmäßig amtierende Premierminister.

Die Opposition fürchtet sich noch immer und berechtigterweise vor den alten Eliten. Der mysteriöse Tod des Verkehrsministers Georgi Kirpa lässt ahnen, unter welchem Druck Mitwisser und mögliche Gegner auch jetzt noch stehen. Gerade deswegen müssen die Reformkräfte nun lernen den demokratischen Mechanismen und Institutionen zu trauen. Dass sie dafür kämpfen können, haben sie ja bereits bewiesen. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.12.2004)