Wien - Der Machtwechsel in der Ukraine wird nach Ansicht der Volkswirte der Bank Austria Creditanstalt (BA-CA) den Zustrom von Direktinvestitionen verstärken und die Ukraine wirtschaftlich stärker an die EU binden. Die Direktinvestitionen von derzeit etwas mehr als 1 Mrd. Euro jährlich könnten ab 2006/07 auf das Drei- bis Vierfache ansteigen, meint der Ukraine-Spezialist der BA-CA, Hans Holzhacker.

BIP pro Kopf bei 5.000 Euro

Nach dem Zerfall der Sowjetunion ging es mit der ukrainischen Wirtschaft bergab, bis heute hat das Land das Produktionsniveau von 1991 nicht wieder erreicht. Das BIP pro Kopf von 5.000 Euro ist nur geringfügig höher als jenes von China. Die Zahl der Autos pro 1.000 Einwohner liegt mit etwas über 100 nur halb so hoch wie in Bulgarien. Mit zwei PCs pro 100 Einwohner rangiert die Ukraine knapp hinter Marokko und bei rund einem Fünftel der Werte für Ungarn und Polen. Nach der Russlandkrise von 1998 habe sich die ukrainische Wirtschaft jedoch stabilisiert und sei heuer in den ersten elf Monaten inflationsbereinigt um 12,4 Prozent im Jahresabstand gewachsen, heißt es in einer aktuellen Analyse der BA-CA. Für das Gesamtjahr sei mit einem Wachstum von 12 Prozent zu rechnen.

Eine starke Auslandsnachfrage nach Metallen sowie auf Grund hoher Preise ermöglichten 2004 einen Zuwachs der Exporte um rund 40 Prozent auf US-Dollar-Basis, bei einer Importsteigerung von rund 30 Prozent. Auch die Nahrungsmittel- und die Chemieexporte stiegen stark. Der Leistungsbilanzüberschuss erhöhte sich von 2,9 Mrd. Dollar (2,13 Mrd. Euro, 5,9 Prozent des BIP) im Jahr 2003 auf geschätzte 7 Mrd. Dollar (11,6 Prozent des BIP) 2004. Die deutlich verbesserte Finanzlage der Unternehmen erlaubte ein Reallohnwachstum von 24 Prozent im Vergleich zur Vorjahresperiode. Dennoch machen die ukrainischen Lohnkosten zu laufendem Wechselkurs nur rund ein Achtel der polnischen, ein Viertel der slowakischen und weniger als die Hälfte der rumänischen aus.

Bedeutende Stahl- und Automobilindustrie

Trotz Stabilisierung und deutlichem Wirtschaftswachstum flossen in den Jahren 2000 bis 2004 weniger als 5 Mrd. Euro an ausländischen Direktinvestitionen in die Ukraine. In Polen waren es im gleichen Zeitraum rund 28 Mrd. Euro. Dabei verfügt die Ukraine über eine bedeutende Stahlindustrie, ein hohes landwirtschaftliches Potenzial, aber auch über eine Automobilindustrie, die für fast sechs Prozent der Wertschöpfung in der Industrie verantwortlich ist. Der wichtigste ukrainische Automobilhersteller ist AwtoZAZ. Das Unternehmen erzeugte heuer rund 100.000 Fahrzeuge. Bei AwtoZAZ werden unter anderem der Lanos Daewoo, Dacia, einige Mercedes-Modelle, der Opel Astra sowie russische VAZ-Autos montiert.

Für Europas Wirtschaft habe die Ukraine bisher trotz einer Einwohnerzahl von knapp 48 Millionen bis jetzt eine relativ geringe Rolle gespielt, heißt es in der BA-CA-Analyse. Österreichs Einfuhren aus der Ukraine betrugen demnach in den ersten zehn Monaten 2004 nur 291 Mio. Euro. Das entspricht etwas mehr als einem Fünftel der Importe aus der Slowakei und rund einem Drittel der Einfuhren aus Polen. Die Ausfuhren in die Ukraine betrugen 310 Mio. Euro.

Risiken

Für die Zukunft erwarten die BA-CA-Experten eine Fortsetzung des wirtschaftlichen Aufholprozesses in der Ukraine - allerdings gebe es im Zusammenhang mit den jüngsten politischen Entwicklungen auch gewisse Risiken. So sei die Ukraine bisher von Russland als "befreundetes Ausland" behandelt worden und habe russisches Erdgas zu einem sehr günstigen Preis bekommen - im ersten Halbjahr 2004 betrug er etwa 1.363 Rubel (rund 36 Euro) pro Tausend Kubikmeter, für Westeuropa lag der Preis bei 3.722 Rubel. Gasimporte machen 14 Prozent aller ukrainischen Importe aus, was einem Volumen von über 4 Mrd. Dollar (2,94 Mrd. Euro) entspricht. Eine Steigerung der Preise würde die Ukraine empfindlich treffen. Das Risiko einer Abspaltung der Ostregion des Landes, in der die Industrie konzentriert ist, schätzt die BA-CA als eher gering ein. (APA)