... Auf dem Fluss Lee wird sich zu einem Feuerwerk eine riesige Schlange aalen.


"Niemand kennt diese Stadt. Das ist ein großer Vorteil: Wir werden unterschätzt." Mit dieser vergnügten Entschlossenheit, das Positive zu sehen, hat Thomas McCarthy, Vizedirektor des Organisationskomitees der frisch gebackenen Kulturhauptstadt Europas, seine Aufgabe angepackt.

Er hatte zum Dreierausschuss gehört, der das reich beladene Veranstaltungsprogramm für Cork 2005 zusammenstellte, und bis zum Ende dieses Jahres hat er seinen Beruf als Bibliothekar an den Nagel gehängt; nicht allerdings seine Neigung zur Poesie. "Vögel, Fluten und Feuer" kennzeichneten diese Stadt, verkündet er und führt den Besucher gleich in die Crawford Gallery, das ehemalige Zollhaus der Handelsstadt, vor ein Gemälde mit kämpfenden und sterbenden Vögeln.

In den 1620er-Jahren, erläutert er die Inspiration des Malers, habe über Cork eine regelrechte Schlacht zwischen zwei Armeen von Staren stattgefunden. Eine Woche lang maßen sich die Schwärme aus Ost und West, eine Woche lang fielen tote und sterbende Tiere vom Himmel. McCarthy meint, die Vögel hätten damals ihre Wälder verloren, die im Auftrag der englischen Tudors abgeholzt worden waren. In Cork haben selbst Naturphänomene einen politischen Hintergrund.

Im Gegensatz zur ungeliebten Hauptstadt Dublin, die ihre Bedeutung als Verwaltungszentrum erlangte, verdankt Cork seine Existenz und seine gelegentliche Prosperität dem Handel, zu dem es dank seines natürlichen Hafens und seines fruchtbaren Hinterlandes geradezu prädestiniert war. Cork exportierte Tierhäute und Nahrungsmittel: Butter, Rind- und Schweinefleisch.

Aber das tonangebende Patriziat kam stets von außen. Im 12. Jahrhundert nisteten sich die Normannen ein, von deren langer Dominanz bis heute Namen wie Roche und Barry künden. Und im 17. Jahrhundert wurde der Stadt eine englische Abenteurerschicht aufgestülpt, die im Gefolge des verhassten Cromwell nach Pfründen suchte. Damals wurden sämtliche Katholiken – also die ursprünglichen Iren ebenso wie die altgläubig gebliebenen Normannen – skrupellos vertrieben.

Lange Elendsphase

Die protestantischen Oligarchen bauten ein weit gespanntes Handelsnetz mit den amerikanischen Kolonien auf und belieferten die Royal Navy mit Segeltuch und Uniformen. Tausende arbeiteten in der Textilindustrie, doch das Ende der napoleonischen Kriege und das Fehlen von Kohle und Eisen beendeten einen viel versprechenden Auftakt. Die irische Hungersnot leitete eine lange Elendsphase ein, die "Sargschiffe", die Landarbeiter nach Amerika transportierten, liefen von Cobh im Süden Corks aus.

"Ire zu sein ist immer unbequem inmitten der Englisch sprechenden Welt", behauptet McCarthy, dessen Name auf ein uraltes irisches Königsgeschlecht deutet. "Wir sind immer am Rande, wir haben keine Freunde in der Anglofonie." Wirklich man selbst zu sein hieße, Irisch zu sprechen, stellt er fest und leitet daraus ab, die Iren seien nie satt, sondern stets von nervöser Energie geprägt. Das Selbstverständnis Irlands sei durch den Nebel des 19. Jahrhunderts gefiltert: "Alkoholisch, melancholisch, kreativ."

Und die Iren, diagnostiziert er spöttisch, hätten eine beachtliche Fähigkeit entwickelt, "die Melancholie in Produkte umzusetzen". Denn heute gibt es keinen Anlass mehr, Trübsal zu blasen. McCarthy erinnert sich noch an die ungläubige Reaktion, als das statistische Amt Mitte der 1990er-Jahre begann, eine wachsende Bevölkerung zu messen. Als sich das Ende der Emigration bestätigte, entfaltete das eine elektrisierende Wirkung, die bis heute anhält. Sinnigerweise produziert Pfizer die Viagra-Essenzen für ganz Europa in Cork.

Mit rund 140.000 Einwohnern ist Cork ein Zwerg unter den europäischen Städten. Doch die Urbanität steht nie in Zweifel. Gefällig teilt sich der Fluss Lee in zwei Arme, auf der Insel entstand das einst ummauerte Cork, das sich im zentralistischen Irland gern als teilautonome Republik versteht.

Die elegant gebogene Patrick Street ist eigens neu gestaltet worden – von einer katalanischen Architektin: vielleicht, um die mediterranen Gelüste Corks zu stillen. Die Stadtverwaltung hat viel Geld ausgegeben, um Cork eine kulturelle Infrastruktur zu verpassen: Ateliers, Werkstätten, Ausstellungsräume und dergleichen wurden in den letzten zehn Jahren gefördert, als noch keine Aussicht auf kulturstädtischen Ruhm bestand.

Umso kleiner ist das Budget für Cork 2005 jetzt: Weniger als 20 Millionen Euro müssen reichen, etwa ein Viertel dessen, was Lille (Kulturhauptstadt 2004 zusammen mit Genua) zur Verfügung stand. Aber der Organisator McCarthy bleibt unverdrossen: "Nur das Persönliche zählt in Irland", erklärt er. Trotz aller Software suchten die Iren unverändert die direkte Begegnung, und das werde sich auch in diesem Jahr erweisen.

Strickteppich der Stadt

An Cork genieße sie "den frivolen Umgang mit Sprache und den spielerischen Umgang mit dem Leben", meint Jools Gilson-Ellis, eine englische Künstlerin, die seit acht Jahren in Cork lebt und die Stadt daher gleichzeitig von innen wie von außen sieht. Sie hat sich für 2005 ein ungewöhnliches Projekt ausgedacht: Aus einem Heer von 2000 Freiwilligen werden täglich 26 in der ehemaligen Lukaskirche stricken. Computerprogramme verarbeiten Informationen der städtischen Überwachungskameras und die täglichen Wetterkarten in Muster und Farben. So wird der dereinst 300 Meter lange Strickteppich "zur abstrakten Dokumentation des städtischen Rhythmus".

Gewiss, Daniel Libeskind wird einen Pavillon aufstellen, die internationale Avantgarde wird gelegentliche Stippvisiten abstatten, aber im Grunde geht es um den Puls einer charmanten Kleinstadt mit Ambitionen, um Selbstgespräche, denen Besucher zuhören dürfen. (DER STANDARD, Printausgabe, 05./06.01.2005)