Angesichts der Zahl an Toten, Verletzten und Obdachlosen sind die ökologischen Folgen des durch das schwere Seebeben ausgelösten Tsunami freilich nachrangig. Aber die Flutwelle hat auch nachhaltige Schäden an verschiedenen sensiblen Ökosystemen in den betroffenen Regionen hinterlassen. Vor allem an Korallenriffs und in Mangrovenwäldern.

Das genaue Ausmaß der Zerstörung wird wahrscheinlich erst in Wochen und Monaten bestimmt werden können. Dennoch zeichnen Meeresbiologen bereits heute ein düsteres Unterwasserbild. So ist die Wirkung eines Tsunami auf Korallenbänke in etwa mit einem Zyklon an Land zu vergleichen: Viele der von Tauchern geliebten farbenfrohen fragilen Gebilde wurden durch die Energie, die eine solche Flutwelle im flacheren Wasser freisetzt, mit Wucht auseinander gerissen und weit gehend zerstört. Der Tsunami hat wahrscheinlich auch ganze Riffe zertrümmert. Und die Korallenbänke, die dem Druck der Welle hatten standhalten können, wurden vermutlich durch andere Kräfte der Flut zerstört: Denn die enormen Strömungen und der starke Untersog des Tsunami hat gewaltige Sandmengen von der Küste zu den Riffen verfrachtet und dort abgelagert. Vormalige Strände bedecken jetzt als Sedimente die Korallen und ersticken sie. Ihre Erholung könnte Jahrzehnte dauern – immerhin wachsen Korallen nur etwa einen halben Zentimeter pro Jahr. Falls sie auf den zerstörten Riffen überhaupt wieder wachsen. Und das, nachdem sich viele der sensiblen Korallenriffs gerade erst von den Temperaturschwankungen durch das Wetterphänomen El Ni˜no zu erholen begonnen haben.

Rückgang der Fischbestände

Der vermutlich immense Schaden an den Korallenbänken hat wiederum enorme Auswirkungen auf die Tierwelt. Zahlreiche Fischarten brauchen die Korallen als Lebensraum, existieren mit ihnen in einer symbiotischen Partnerschaft. Meeresbiologen fürchten daher einen massiven Rückgang der Fischbestände.

Der Tsunami hat aber auch zahlreiche Palm- und Mangrovenwälder zertrümmert, deren Fläche ohnedies durch Siedlungstätigkeiten, Infrastrukturmaßnahmen und Tourismusprojekte in der jüngsten Vergangenheit drastisch geschrumpft war. Besonders Mangroven erfüllten wichtige ökologische Aufgaben: So wie Korallenriffe dienten auch sie mit ihren bizarren, ins Wasser reichenden Wurzeln vielen Fischarten als Kinderstube und boten ihnen nachgelagerten Küstenabschnitten einen natürlichen Schutz vor Gezeitenkräften und vor wetterbedingten Sturmwellen.

Was angesichts der tödlichen Kraft der Flutwelle besonders auffällt, ist der Umstand, dass sich mit Ausnahme von an Land gespülten Fischen und wenigen Meeressäugern, die sich beim Eintreffen des Tsunami zu nahe an der Küsten aufgehalten hatten, keine Tierkadaver in den verwüsteten Regionen finden. Ein weiterer Hinweis auf den so genannten sechsten Sinn, mit dem Tiere derartige Naturkatastrophen früh genug wahrnehmen und sich in Sicherheit bringen können. Wie dieser genau funktioniert, ist bisher noch unbekannt. (DER STANDARD; Printausgabe, 5./6.1.2005)