Für die einen ist er immer noch der, der aus dem Jazz kommt. Für die anderen gilt er als produktiver Abtrünniger, der sich zunehmend in Richtung zeitgenössischer klassischer Gefilde orientiert. Doch Lagerdenken ist Christian Muthspiel fremd. Einerseits seit über 20 Jahren mit Bruder Wolfgang als Improvisator zugange, andererseits als Tonsetzer u. a. für das Klangforum Wien und die Camerata Salzburg, sucht er nach wechselseitiger Befruchtung disparater musikalischer Stilenergien. Im von ihm konzipierten und dirigierten Brucknerhaus- wie Musikvereins-Zyklus mit der Camerata Salzburg ist dies in Gestalt unorthodoxer dramaturgischer Ideen und spannender Programmierung zu spüren: Nach der Konfrontation mit dem Neoklassizismus der 40er-Jahre und der Welt der Minimal Music harrt nunmehr das Thema "Schönberg, der vertriebene Wiener" seiner Abhandlung. Muthspiel sucht nach verborgenen Sehnsüchten im "konservativen Revolutionär", lässt seine Wiener Wurzeln in Gestalt der Strauß- und Mahler-Bearbeitungen hörbar werden, stellt diesen bruchhaft die Eruptionen des grandiosen Meisterwerks der Orchesterstücke op. 16 entgegen - wie auch die 1934 komponierte "Suite im alten Stile": Spannende Widersprüche einer komplexen Avantgardisten-Biografie. (felb/DER STANDARD, Printausgabe, 05./06.01.2005)