Es ist eine apokalyptische Geschichte um Liebe, Hass, Verrat und die unaufhaltsame Gier nach Macht. Nachgerade das Dritte Reich hatte die Nibelungen als genuinen Gründungsmythos verstanden. Und heute? Kaum mehr Schullektüre sind die mittelhochdeutschen Texte, und den Schauspielhäusern schaudert's ob der Länge und des Aufwands (Dom, Burg, der Rhein, ein brennender Fels, eine gigantische Schlacht, jede Menge Staffage).

Zumindest musiktheatralisch überlebte das ursprünglich altgermanische Lied recht munter. Im Falle Richard Wagners blieb und bleibt ja immerhin Musik - und das rund sechzehn Stunden lang. Nun stemmten die Münchner Kammerspiele das Mammutwerk in der Bearbeitung Christian Friedrich Hebbels. Gegen den Furor der Welt setzte Hebbel einst die strenge dramatische Struktur, aus dem Nibelungen-Stoff sollte sich durch Einfügen in feste sprachliche Form der Kern herauskristallisieren.

Regisseur Andreas Kriegenburg umkreist das Sprach-und Dramenungetüm auf genuin postmoderne Weise: Man spielt viel originalen Hebbel, vermischt mit Intertexten, vorwiegend aus dem (pop-)kulturellen Gedächtnis. Zudem grüßen Schleef, Brecht und auch Heiner Müller.

Eine dekadent-bürgerliche Gesellschaft sind die Burgunden in ihrem Saal, umgeben von schwarzem Gestein - ganz hinten sieht man wie ausgestanzt ein großes Kreuz. An einer mit großer Auswahl versehenen Jukebox sorgt Spielmann Volker (mit sanft-fließender Stimme: Paul Herwig) für treffliche Beats und erzählt von einer schönen, unbezwingbaren Frau. Eine zweite Ebene senkt sich herab: darauf Brunhild mit Amme Frigga. Man redet isländisch, niederländisch, mittelhochdeutsch. Verzweifelt und hilflos sind die beiden, allein, sie wirken wie ein schicksalhaft verkettetes Paar (phänomenal Julia Jentsch als immer armseliger werdendes Häuflein Mensch, ausgezeichnet Annette Paulmann als Brunhilds Mutter).

Weiter unter treffen die Irdischen auf 14 Siegfrieds in T-Shirt und blauer Hose. Diese skandieren allerlei Nationales, bevor der eine Drachentöter dann als semmelblonder Jüngling die Durchhalteparolen seiner "Brüder" in die Tat umsetzt ("Kneift die Arschbacken zusammen!").

Oliver Mallison gibt Siegfried als unbedarften Naturburschen mit Hang zu Kalauern und Hustenanfällen nach Genuss von Nikotin. Als sie ihn sieht, fängt Kriemhild sofort Feuer. Nach dem Betrug an Brunhild finden sich in einem furiosen Tableau vivant Kriemhild, Siegfried und Gunther vereint im Liebesspiel. Dem setzt die betrogene Walküre Travestie entgegen: Anarchisch kämpft sie fortan nur mit sich, in klaustrophobischen Erinnerungs(t)räumen.

Nach Siegfrieds Tod wandelt sich Kriemhild vom Partygirl immer mehr zur androgynen Amazone mit glatt gegeltem Haar. Wiebke Puls durchrast in ihrem Rachsinn die immer karger werdende Szenerie, mutiert zur kreischend-tödlichen Vernichterin mit klirrend-brechender Stimme. Bewusst blass dagegen Bernd Grawert als grüblerischer Gunther, beschwatzt von Hans Kremers luzide-bösem Hagen.

Die finale Schlacht wird zum Subtext, zum Kommentar. Zwei Sprecher erzählen, was geschieht. Das Schlussbild unversöhnlich, aber fast erwartet: Von einer Schräge rutschen alle, die noch leben, in den Abgrund. Dietrich von Bern, Hebbels Deus ex Machina, erscheint hier nicht - das Morden endet, weil es niemanden mehr zu ermorden gibt. Kriegenburgs Münchner Nibelungen sind ein Endzeitstück mit großer Kraft und starken Bildern. Das Ensemble agiert am Rand des Umsetzbaren, durch rasche Szenenwechsel werden Gefühlsinnenwelten unmittelbar real. Ungeteilter Jubel nach sechs Stunden Aufführungsdauer. (DER STANDARD, Printausgabe, 05./06.01.2005)