Grafik: Der Standard
Es ist die oberste Pflicht heutzutage zu spät zu kommen, meint H., nachdem er mich eine halbe Stunde im Café Tuchlauben hat herumsitzen lassen. Da man ja dauernd etwas zu tun haben müsse oder wenigstens so tun müsse, als hätte man etwas zu tun, ist diese Zeit, wo man auf eine verspätete Verabredung wartet, geschenkte Zeit. Herrenlose Zeit, die niemandem gehört, außer vielleicht dem Terroristen, auf den man wartet. Ich habe mir jedenfalls eine halbe Stunde herrlichster Depression erwartet. Eigentlich ist es schlimm, dass die Feiertage auf die Wochenenden fielen, da hat man so viel Produktivkraft erhalten können.

Die Wirtschaftskrise, sprich Depression, wird schlimmer werden, stand an den Feiertagen in der Zeitung, weil zwischen den Jahren zu viel gearbeitet wurde. Es ist ja so, dass, je mehr Menschen arbeiten, desto mehr arbeiten gegeneinander und behindern einander, und desto mehr muss man wiederum arbeiten, um sich aus den von anderen Leuten gelegten Behinderungen freizuschaufeln. Da kommt dann Krisenstimmung auf. Außerdem ist man erschöpft, und die gefühlte Armut wird größer.

Ich fand es einen großen Fortschritt, dass im Wetterbericht zwischen tatsächlicher Kälte und gefühlter Kälte unterschieden wird. Die Unterschiede hängen mit Luftfeuchtigkeit zusammen, vielleicht auch damit, mit wie viel Alkohol man am Vortag die Kehle befeuchtet hat. Die gefühlte Kälte ist meistens viel größer als die tatsächliche - aber das klingt idiotisch. Kälte kann nicht größer sein, sie ist höchsten grausamer.

Man sollte nun auch im Börsenteil die Rubrik "Tatsächliche Armut versus gefühlte Armut" einführen. Man bräuchte neben normalen Wirtschaftsjournalisten nur noch einen hauptberuflichen Fühler. "Was machen Sie beruflich?" "Oh, ich bin Fühler", sagt man dann bescheiden und klimpert kokett mit den Augendeckeln. Man hat ja leider keine Fühler, wie ein Käfer, mit denen man klimpern könnte. Ich nehme an, dass man sehr behutsam behandelt wird, wenn man Fühler ist. Alle Verabredungen haben die Pflicht, Stunden zu spät zu kommen, weil der Fühler Zeit braucht, sich seinen Empfindungen hinzugeben. Diese Kultur ist zur Hälfte Rechnen und zur Hälfte Fühlen, hat man mir immer eingetrichtert, Rechnen macht lustig, und Fühlen macht depressiv.

Neulich hab ich mir ausgerechnet, dass die postcoitale Depression etwas sehr Schlimmes ist und dass es gut ist, wenn man keinen Sex hat, weil dann spart man sich die postcoitale Depression. Doch leider, leider fällt man dann der präcoitalen Depression zum Opfer, und die ist viel, viel schlimmer. Man hat ja immer entweder postcoitale oder präcoitale Depressionen. Viel mehr kann man eigentlich nicht erwarten.

Ihre Cosima Reif , Zufallskolumnistin (Der Standard/rondo/07/01/2005)