Arbeiten aus dem Skizzenbuch

aus dem Buch
Der Schatz ist noch da. Irgendwo in L.A. Vergraben, verräumt, verstaubt. Und vergessen. Denn 16 Jahre sind lange. Wenn einer 16 Jahre tot ist, wenn seine Arbeit den Erben nicht rasch genug Geld abwirft, kann Kunst verschwinden. Einfach so. Den Schatz hat Susann Günther hergegeben. Schließlich war sie nur eine gute Freundin - und die aus Los Angeles eben Familie. Und da war es keine Frage, die Arbeiten, die Bilder, die Fotos und die Skizzen herauszugeben. Damals, Ende der 80er-Jahre. Und heute ist Tony Viramontes vergessen. Dabei war Viramontes nicht irgendein zweitklassiger Fotograf oder Illustrator Mitte der 80er-Jahre: Viramontes setzte Standards, die heute noch gelten. Viramontes war stilbildend. Für ein Genre.

Der große Beweis dafür, sagt Susann Günther, die heute in Hamburg lebende Stylistin und Kostümbildnerin, sei der verschollene Schatz. Den kleinen Beweis hat sie noch: Viramontes' Skizzenbuch. Dieses unauffällige DIN-A4-Büchlein aus der Hand zu geben sei alles, was sie für Viramontes noch tun könne. Das Brevier freizugeben ihr letzter Freundschaftsdienst. Damit, schiebt Günther das Buch über den Tisch, sei ihr Part in dieser Geschichte beendet - es gehe nicht um sie. Sondern um Tony Viramontes.

Viramontes wurde 1957 geboren. Auch wenn Google und andere Suchmaschinen 1960 sagen. Hispanisches Viertel in Los Angeles. Tony schwärmte schon früh für Toreros. In den 60er-Jahren in einer katholischen Umgebung kein Honiglecken. Von L.A. zog es ihn ostwärts. Aber auch New York war nicht das richtige Pflaster: Sein Zeichenstil wurde - später - als "zu sexy für die USA" bezeichnet. Also Paris. Dort passten Blick und Strich genau. 1983 debütierte er als Illustrator in der Vogue und La Mode en peinture. 1984 tauchten Foto- illustrationen in Per Lui und Lei auf: Ein Stern ging auf. Viramontes' charakteristischer, unmittelbarer Ansatz, seine Linien fielen auf. Er arbeitete bald für Montana, Garavani, Gaultier und Hanae Mori, die Doyenne der japanischen Modeszene.

Viramontes' Strich war, worauf die erste Hochblüte des New Wave gewartet hatte. Eine neue Avantgarde in Kunst, Kultur und Mode begann sich zu etablieren: ein bisserl Punk, viel Oscar Wilde - und die Überzeugung, dass Grenzen nur im Kopf existieren. In New York saßen Warhol und Velvet Underground in der Factory, in Europa zählten Jean Paul Gaultier, Boy George und Grace Jones zur dekadenten Avantgarde der Bohemiens. Viramontes lebte und arbeitete mittendrin.

Viramontes illustrierte nicht nur, er fotografierte auch. Paloma Picasso etwa. Oder die noch sehr junge Naomi Campbell. Über die Prints legte er Folien und zeichnete nach, was relevant und betonenswert schien. Das Bild müsse, sagte er, aus dem Handgelenk kommen, nicht aus dem Kopf. Meist wuchs neben ihm der Berg verworfener Entwürfe in Windeseile. Bis 20 Zeichnungen an der Wand hingen, eine schaffte es dann in die Vogue: Sein Strich war New Wave. In der kleinen schillernden Pariser Modeszene war der impulsive, manisch-herrische Viramontes rasch ein Star. Er wählte Models und Motive nach seiner Arbeits- und Lebensphilosophie: "Ich will nicht einfach Gesichter. Sie müssen Ausdruck haben. Ihre Emotion muss sich mit meiner verbinden, ihr Lebensgefühl muss meinem ähneln. Andernfalls würde ich nur moderne Arbeiten abliefern. Aber meine Fotos sind nicht neutral. Ich sehe mich als Extremisten - und ich hasse den Mittelweg."

Der Strich der Illustrationen fand auch in Fotoarbeiten ihren Niederschlag: Viramontes zeichnete auf Mannequins. Im Wortsinn. Fast expressionistisch: Das Wichtige wurde betont, das Unwichtige weggelassen. Dass das heute noch wirkt, beweist eine der frühen kommerziellen Arbeiten Viramontes': Für Le Printemps ließ er eine stilisierte Marianne, die Erstürmerin der Bastille, Napoleons Hut aufsetzen und auf einem Sofa Platz nehmen. Das Sujet wird bis heute verwendet - wer es entworfen hat, weiß niemand mehr.

"Viramontes war Regisseur", schrieb Jaqueline Manescau im Katalog zur einzigen Werkschau nach seinem Tod Anfang der 90er-Jahre, "er kontrollierte Styling und Makeup absolut". Mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerüttelt zu werden, um zu einer manischen Arbeitssession getrieben zu werden, war für die Menschen um ihn normal: "Paris ist unser Fantasyland. Wir leben im Fotostudio, weil wir keine Lust auf Wohnungen haben", soll Viramontes proklamiert haben.

Kompromisslos war auch das Leben. Mitte der 80er-Jahre war die letzte Epoche, in der Bohemiens nach Lou Reed "On the Wild Side" leben konnten: Aids war bekannt, aber Ende der 80er-Jahre gerade in einer sich selbst für tabulos haltenden Szene das absolute Tabu. Auch Viramontes sprach nie über seine Krankheit. Er verschwand 1988. Für immer.

Ein Jahr nach Viramontes' Tod rief seine Mutter Susann Günther an. Mit Freunden organisierte sie 1991 eine Ausstellung mit Illustrationen, Bildern, Fotos und Videos jenes Mannes, dem die Modepresse zu Lebzeiten attestiert hatte, "den Stil der 80er-Jahre gemacht" zu haben. Verlage meldeten sich. Plötzlich, so Günther, entdeckte da auch Viramontes' Familie Interesse am und Anspruch auf den Nachlass. Das war es dann. Aber der Schatz, hofft Günther, ist noch da. Irgendwo in L.A. Vielleicht auf einem Dachboden. Vergraben, verräumt, verstaubt. Und vergessen. (Der Standard/rondo/7/1/2005)