Elisabeth Hauptmann: Muse aus Bescheidenheit?
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Wien - Die Kurt-Weill-Musik der Berliner Dreigroschenoper war noch kaum verklungen, da schrieb Bertolt Brecht seiner Mitarbeiterin, Lektorin und Geliebten Elisabeth Hauptmann 1929 einen gönnerhaften Brief: Er schenke seiner "Bess", wie er die Hauptmann nannte, eine "einfache" Fabel, die zu gleichen Teilen bei der Heilsarmee und in einer Verbrecherkneipe spiele. "Die Pointe", so Brecht: "Das Gute siegt!"

Hauptmann solle das anspruchslose Stück namens Happy End unter eigenem Namen aufführen lassen. Der vor Behagen und Selbstsicherheit strotzende Firmenleiter der Textmanufaktur "Brecht" fettete die Kolportage mit Songtexten auf.

Bei der Uraufführung am Schiffbauer Damm - ein halber Durchfall übrigens - sprach Helene Weigel, Brechts Hauptfrau und ihn umsorgende Clan-Mutter, in der Rolle der "Fliege in Grau", einer Syndikatsschurkin, den denkwürdigen Satz: "Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie, was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank!" Die veröffentlichte Meinung witterte prompt salonkommunistische Agitation und überschlug sich pflichtschuldig vor Empörung.

Der eigentliche Witz der Happy End-Episode besteht in der Umkehrung des zugrunde liegenden, in der Brecht-Forschung oftmals als anstößig gebrandmarkten Arbeitsverhältnisses. Dem Stoff ging nämlich eine Shortstory voraus, die Elisabeth Hauptmann unter dem Pseudonym Dorothy Lane veröffentlicht hatte: Bessie Soundso. Eine Geschichte von der Heilsarmee von 1928.

Hauptmann, die westfälische Lehrerin, die als selbstständige, ungebundene Frau Anfang der "Roaring Twenties" ihr Glück in der pulsierenden Metropole Berlin versuchte, um dort über den dürren Poeten Brecht zu stolpern, der sie ohne Zögern in sein sinnenfrohes Kunstkollektiv inkorporierte, war auf einem beigefügten Foto als Heilsarmeemädchen abgebildet.

Die "Erleuchtung", die das fromme, aber zielbewusste Mädchen Lilian in Happy End erfährt, ist eine Lutherische Spitzfindigkeit: Nur wer vernünftig lebt, lebt auch erleuchtet. War die Hauptmann ein Opfer Brechts? Jedenfalls war sie vernünftig.

An ihr entzünden sich denn auch bis heute die Diadochenkriege der Lordsiegelbewahrer unter den Forschern. Pascha Brecht habe nach dem wenig fortschrittlichen Motto "sex for text" die "patriarchale Instrumentalisierung spezifisch weiblicher Fähigkeiten" betrieben. Vorsichtigere Interpreten wie Sabine Kebir haben darin eine leichtfertige Abwertung aller Beteiligten erblickt: Die Hauptmann, deren Begehren nicht auf ein kleines bürgerliches Glück gerichtet gewesen wäre, hätte ihr Talent gegenüber Brechts Genie als gering genug veranschlagt, um ihm als Dialogpartnerin - und eine Zeit lang als Geliebte - zu Willen zu sein. Ob Danaergeschenk oder Morgengabe: Die Komödie Happy End, die nun ab 13. Jänner im Wiener Volkstheater dem Vergessen entrissen wird (Regie: Erhard Pauer), wurde wiederholt aufgeführt, blieb aber ein randständiges Kuriosum in der Brecht-Rezeption. Elisabeth Hauptmanns (1897-1973) Lebensweg voller Wechselfälle brachte ihr in der DDR die Herausgeberwürden der großen Brecht-Werkausgabe ein. Ihren Namen hat sie in Zweifelsfällen, die Urheberschaft betreffend, eher getilgt denn hinzugefügt. (Ronald Pohl, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 7.1.2005)