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Terry Eagleton:
After Theory
€ 13,34/225 Seiten. Penguin-Books, London 2004

Foto: Archiv
Es gibt einen antifranzösischen Affekt, der mit der Abwehr intellektueller Spitzfindigkeit und angeblicher moralischer Wankelmütigkeit Hand in Hand geht. Im US-Präsidentschaftswahlkampf glaubten etwa manche Bush-Wahlhelfer, sie würden dem rivalisierenden Kandidaten ordentlich schaden, wenn sie in Umlauf brächten, John F. Kerry "sieht französisch aus". Und wenn ein französischer Philosoph stirbt, dann gilt auch das Gebot nur mehr wenig, Toten nichts Böses nachzusagen. So spottete der Economist nach dem Tod von Jacques Derrida, dass neuerdings sogar unter Theologen Interesse an Dekonstruktion herrsche. Der bissige Schlusssatz: "Möge Gott ihnen beistehen." Zwar erlebt Michel Foucault derzeit ein gewisses Revival, ansonsten wird dieser Tage mit der "Theory" - die etwas grob, aber nicht ganz falsch mit den französischen Beiträgen zu Strukturalismus, Poststrukturalismus und Postmoderne identifiziert wird - mit Freude abgerechnet. Ganze Tagungen widmen sich schon dem "End of Theory".

Als hervorragender Stichwortgeber erwies sich wieder einmal Terry Eagleton, der schillernde, britische Literaturwissenschafter. Eagleton ist Marxist und pflegt ein gewisses Outlaw-Image, ist gleichzeitig aber ein akademischer Star, hatte als Oxford-Professor lange Jahre seinen fixen Platz im universitären Olymp; ein origineller Denker und doch vor allem ein großer Popularisierer fremder Gedanken; einer, der zur postmodernen Theory-Schule immer eine gewisse ironische Distanz markierte, aber gleichzeitig ein Zentralgestirn in deren Orbit war. Seine Einführung in die Literaturtheorie von 1983, millionenfach verkauft, ist der absolute All-Time-Bestseller dieses Genres. Schon darin, immerhin am Höhepunkt der Theory-Ära, erwies er sich als großer Spötter. Das Prinzip Dekonstruktion habe den Vorteil, war schon hier zu lesen, "dass es einem ermöglicht, in voller Montur durch die Überzeugungen aller anderen hindurchzugaloppieren, ohne dass es einem die Unbequemlichkeit aufbürdet, selbst eine Überzeugung anzunehmen"; hier gewinne der, "der es geschafft hat, sämtliche Karten loszuwerden und mit leeren Händen dazusitzen". Hätte Ferdinand de Saussure, der Sprachwissenschafter, der die Grundlagen der strukturalistischen Revolution gelegt hatte, gewusst, "was er da auslöste, hätte er sich möglicherweise auf Untersuchungen über den Genitiv im Sanskrit beschränkt".

Eagleton ist ein scharfzüngiger Formulierer und Spitzenessayist, Talente, die auch in After Theory wieder wuchern. "Originell, lustig, brillant", lautet das Urteil des Independent. Als es gegen Ende des vergangenen Jahres in London erschien, löste das Bändchen sofort eine heftige Kontroverse aus, die kein Ende mehr nehmen will. Eagleton kartografiert, was - twenty years after gewissermaßen - aus der Theorie-Schule geworden ist.

Am Ausgangspunkt zeitgenössischer Theorie steht die "linguistische Revolution", die Erkenntnis, dass Bedeutung nicht einfach ausgedrückt, sondern durch Sprache erst hergestellt wird - und dass Sprache selbst nicht unschuldig ist, dass sich in ihr Herkunft und Herrschaft materialisieren. Strukturalismus heißt, nach Frederic Jameson, "alles unter linguistischen Gesichtspunkten noch einmal neu durchzudenken".

Dies erlebte vor allem die traditionelle Linke als Bereicherung, die bis dahin nicht selten plump der Ökonomie alle Wirkungsmacht zuerkannt und alles andere als abgeleitete Überbauphänomene abgetan hatte. "Theory", so Eagleton, "erinnerte die traditionelle Linke an das, was sie bisher vernachlässigt hatte: Kunst, Vergnügen, Gender, Macht, Sexualität, Sprache, Wahnsinn, Begehren, den Körper, das Unbewusste, Ethnizität, Lifestyle, Hegemonie".

Bestand eine Folge des linguistischen Anstoßes darin, Texte anders zu behandeln, wurde in einem nächsten Schritt alles als Text behandelt. So rann die oft sperrige Hochtheorie in den vergangenen Jahrzehnten in die gefälligere Disziplin "Kulturtheorie" aus. Alles wurde plötzlich gleich interessant und einer neuen Lektüre unterzogen: Macht und Ungleichheit ebenso wie Schwarzenegger-Filme und die Evolution der Klobrille.

Eagleton findet das unerfreulich - und ist da wohl nicht der Einzige. Aber das ist nicht das Hauptproblem, das ihn zum dramatischen Schlussstrich antreibt. Das Schlüsselpostulat der Theory war im Anschluss an Saussure und Freud ja, dass das Subjekt nicht Herr im eigenen Haus ist. Es ist dezentriert, erfindet sich täglich aufs Neue, seine bloße Existenz ist ein Phantasma. "Wenn alles Stehende verdampft", so Eagleton, Marx sarkastisch variierend, "dann kann für die Menschen keine Ausnahme gemacht werden". Individuen im pathetischen Sinn gibt es nicht mehr. Über alles, was man mit diesen verbindet - Identität, Überzeugungen, Werte - zieht der Postmodernismus mit Spott her. "Das Problem", so Eagletons Schlüsselsatz, "mit dem grassierenden Skeptizismus manchen postmodernen Denkens ist, dass es schwer von der Weigerung zu unterscheiden ist, sich den Fundamentalismen entgegenzustellen."

Dies ist des Pudels Kern: Eagleton will endlich wieder Werte verteidigen - vorzugsweise gegen Islamisten und sonstige Fundis, wogegen gar nichts einzuwenden ist. Er hat, wenn er darum die Theory verabschiedet, die aus Kneipengesprächen bekannten Obskuranten im Auge, die alles - sei's der 11. September, sei's der Irakkrieg - als "Medienphänomen" lesen und denen die Galle hochgeht, sobald der Einwand erfolgt, dass diese Geschehnisse gewiss ein solches seien - wenngleich für die Toten nicht in erster Linie. Der Kampf gegen den fundamentalistischen Todeskult ist für Eagleton das Gebot der Stunde.

Das ist alles nicht ganz unsympathisch, und doch fragt man sich am Ende, warum dafür die Theory mit großer Geste verabschiedet werden muss. Ein solcher Abgesang insinuiert ja zumindest, es gäbe ein Zurück zum unbefleckten Zustand vor der Theory: zum zentrierten Subjekt. Aber können wir wirklich vergessen, was uns Theory gelehrt hat - dass Konzepte, Ideen eine linguistische und materielle Grundlage haben, dass sie Konstellationen sind, in Relationen existieren, auf stummen Voraussetzungen gründen und nicht einfach "wahr" sind? Die Antwort kann nur lauten: ganz gewiss nicht. Wir alle sind längst französischer, als wir glauben. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 08./09.01.2005)