Wien - Je weiter westwärts man sich in Europa bewege, umso sauberer blitzten die Badezimmer. Und umso langweiliger tönten die regionalen Volksmusiken. Milcho Leviev pflegt in Interviews auf die Frage nach der ungebrochenen Faszination der autochthonen Lieder und Tänze seiner bulgarischen Heimat - wie generell des Balkans - mit dem augenzwinkernden Bonmot eines Freundes zu antworten. Einer polemischen Verkürzung, die einen wahren Kern ich sich tragen muss:

Denn im Gegensatz etwa zur Volksmusik Mitteleuropas gilt jene Bulgariens, wiewohl sie spätestens im Kommunismus ebenfalls sehr gründlich ihre ideologische Unschuld verlor, dank ihres Formenreichtums, ihrer elaborierten Rhythmik und Melismatik weiterhin als höchst ergiebige Bezugsquelle, aus der insbesondere Jazzmusiker, die dem System oppositionell gegenüberstanden, gerne schöpf(t)en. Diesen Eindruck kann man zurzeit im Porgy & Bess in Wien gewinnen, wo man im Rahmen der immer mehr an internationaler Strahlkraft gewinnenden Osteuropa-Reihe nunmehr einen "Step Across The Border" in das Land der Balkan-Gebirge tut.

Mit Pianist Milcho Leviev, dem oben zitierten Aushängeschild des bulgarischen Jazz, kam Freitag zur Eröffnung einer der Ahnherren jener Kreuzung von Jazz und Volksmusik (wie auch klassischer Musikeinflüsse) zu Wort: Blues in 9 war eines der seinerzeit (1962) mutigen Pionierstücke, das zu Gehör gebracht wurde, ein urtümlicher Balkan-Boogie im 9/4-Takt, dem heute - wie auch den damals Inspiration bedeutenden Dave-Brubeck-Piecen - primär historisches Interesse zukommt.

Das einst für Don Ellis komponierte Bulgarian Bulge oder das neuere Morning Mystery wiesen den 67-Jährigen indessen als Mann von Klasse aus: Kühne harmonische Schichtungen, die zuweilen Cluster-Schärfe erreichten, dann wieder in sinistrer Düsternis Gänsehaut-Momente erzeugten, kraftvolle Akkordik, feine Kontrapunktik - Leviev ist ein Jazzintellektueller von Rang.

Während seine gefinkelten, feingliedrigen Themen im hörbar unerprobten Quintett keine entsprechende Behandlung erfuhren, rehabilitierten sich Georgi Kornasov (Posaune) und Ventzislav Blagoev (Trompete) tags darauf im Verein mit Pianist Mario Stanchev, der seinerseits mit Flötist Simeon Shterev ein organisches, virtuoses Duo-Set lieferte: Auch das Kornasov-Quintett griff in Piecen wie Memories from the Balkans oder Hurricane 23 auf die Tradition zurück, ohne sich vordergründig an deren Exotik und Raffinesse zu delektieren, sondern um sie stimmig in ein variantenreiches Modern-Jazz-Konzept zu integrieren.

Trommel-Battles

Wer am Eröffnungstag nach überlanger Umbaupause bis nach Mitternacht ausharrte, erlebte gar ein frühes Festival-Highlight: Das Duo Drumboy war zu vernehmen, seinem etwas patscherten Namen alle erdenkliche Unehre machend. Stoyan Yankoulov und Elitsa Todorova lieferten sich mitreißende, gleichwohl dramaturgisch klug durchdachte Trommel-Battles, wobei sich Yankoulov tatsächlich als Virtuose der Basstrommel Tupan erwies, der er eine orchestergleiche Farbenfülle entlockte, und Todorova mit glöckchenheller Stimme und berückenden Melismen in höhere Welten zu entführen schien.

Keine Neuigkeit dies, gewiss, doch die Frage nach Innovation bleibt sekundär, solange die Tradition ergiebig scheint. Und solange Persönlichkeiten aus ihr schöpfen. (Andreas Felber/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10. 1. 2005)