Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg. Jede Woche auf derStandard.at/
Panorama.

Jetzt auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten der vergangenen drei Jahre - zum Wiederlesen & Weiterschenken.

"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

Echo-Verlag
Dass das die anderen alle genau so wie er machen, meinte R., sei ihm nicht aufgefallen: Er habe, sagte er, den Knoten vor ein paar Wochen in München entdeckt – und sich gedacht, dass das so viel praktischer sei. Schneller. Und rutschfester. Und einen Schal gleichzeitig eng und doppellagig um den Hals zu wickeln, erklärt R., sei besser. Besser als all jene Methoden, die er bisher in Schalfragen angewandt habe: Den Schal einmal halbieren, um den Hals legen und die losen Enden durch die Halbierungsschlaufe ziehen, sei echt super.

Eigentlich, meinte R., wundere er sich ja, wieso er da nicht früher – und selbst – draufgekommen sei. Und dass seine präferierte Schalschlingmethode derzeit die einzig zulässige Version ist, einen Schal in gewissen – sich für hip haltenden – Kreisen zu tragen, sei ihm natürlich wurscht. Völlig wurscht. Und weil es ihm wurscht sei und hippe Leute – einmal darauf angesprochen – natürlich keinerlei Wert darauf legen, hip zu sein, wiederholte R. auch die kleine Korrektur, die er eingangs angebracht hatte und die in der Erklärung der komplexen Schalknotenerklärung nahezu untergegangen was, erst auf insistierendes Nachfragen: Das längsgestreifte Ding, dass er über der Jacke spazieren trage, nenne man eigentlich nicht Schal, sondern Pashmina. Mit oder ohne c – aber auf alle Fälle aus Kaschmir.

Arafat-Tuch

Wir lachten. Aber R. klärte uns auf: Wenn wir Pashmina – so wie er anfangs auch – nicht vom Peshmerga unterscheiden könnten, sollten wir halt zurück in die 90er-Jahre gehen. Schließlich hätten wir ja alle an Peerschalmoden teilgenommen. Inklusive Wickeltechnik Und nur, weil wir es nie geschafft hätten, uns Palästinensertücher richtig Arafat-like um den Kopf zu wickeln, bräuchten wir uns jetzt nicht über die Art, wie er und andere Pashminas ausführen, zu lästern.

So unrecht, fiel A. in unser Hohnlachen ein, habe R. nicht. Irgendwo in meinem Kleiderkasten habe sie neulich, auf der Suche nach einem Anti-Grippe- oder Pro-Skifahren-Schal auch ein Arafat-Tüchel gefunden. Dass ich sie umgehend belehrt habe, dass es sich dabei keinesfalls um ein Austro-Autonom-Pseudo-Intifada-Versatzstück handle, sondern um ein afrikanisches Schaltuch habe sie wenig beeindruckt: Schließlich sei sie auf ihrer Suche auch noch auf zwei Indienschals gestoßen. Einer hätte einen ungefähr so peinlich-rötlichen Farbton gehabt, wie ihn mein Gesicht gerade annähme.

Patschuli

Immerhin, hielt mir A. zugute, röche ich besser als die beiden Hippiefetzen im Kasten. Aber auch besser, als die Erinnerung an dieses Relikt: Patschuli- und Secondhandshopduft. Dazu noch – wenn man ganz verwegen war – der Geruch alter, selbstgewuzzelter Zigaretten und unaufgeräumter WG-Küchen, zu selten frisch überzogenen Betten und ungelüfteter Kiffzimmer. Sie selbst, sagte A., habe - um dazu zu gehören - auch Indienschals getragen. Und habe sie natürlich auch so gewickelt, wie es sich gehörte (einmal komplett um den Hals und die Enden links und rechts über die Brust baumeln lassen) – aber den dazugehörigen Mief habe sie nie für cool gefunden.

Die Runde kicherte mittlerweile. Aber nicht lange. Schließlich gab es noch andere Schalgruppenzwanggeständnisse abzulegen: Er habe sich als Schüler immer einen Schottenschal gewünscht, erklärte B. etwa. Aber als er dann einen geschenkt bekommen hätte, habe er festgestellt, dass das Geschenk zu kurz war, um ihn krawattenknotenlike zu binden. Außerdem habe das Teil das falsche Markenlogo getragen. Er habe, sagte B., – und das gebe er hier und jetzt zum ersten Mal zu – dann auf einer Party einen echten Schottenkaroschal aus einem Mantel gezupft. Das Ding habe er noch – aber er habe sich aus lauter Angst, als Dieb entlarvt zu werden, nie getraut, den Schal zu tragen.

Bessere-Tochter-Tücher

B.s Freundin K. nickte verständnisvoll: Sie kenne das Problem. In ihrer Klosterschule hätten alle immer Hermes-Tücher über die Schultern getragen. Echte natürlich. Sie auch. Und öfter als einmal sei ihr der edle Fetzen gemopst worden. Aber daran, sich so rasch wie möglich das nächste Tüchel um die Schultern zu wickeln, habe sie das nie gehindert. Auch nicht daran, sich bis in ihre späte Studentinnenzeit dann lieber mit Typen einzulassen, die Bandanas (echte, amerikanische natürlich – und natürlich nur rote oder schwarze) um den Hals trugen. Keine Schottenschalbubis, sagte K. Obwohl sie da wohl ohne es zu bemerken irgendwann eine Ausnahmen gemacht habe, meinte K. und tätschelte lachend B.s Knie.

Aber dann, klinkte sich J. wieder ins Geschehen ein, gäbe es noch das weite Feld der Fanschals für Boy- und anderen -Groups, Fußball- oder Eishockeymannschaften. Und den prinzipiell lose über Mäntel geworfenen Ich-bin-Künstler-Schal. Irgendwann in seinem Leben, gab J. zu, habe er fast jede dieser Schalphasen durchgemacht – nur einen, betonte er, habe er immer ausgelassen: Den blauen mit dem „Jörg“-Schriftzug. Schließlich habe alles irgendwo Grenzen.