Wien - Tamara Reitprecht mag es "familiär". Deshalb kommt die 18-Jährige nun schon ein Jahr lang regelmäßig jeden Mittwoch zum Lesbenabend ins Leopoldstädter Souterrain; hier, an der HOSI-Bar, habe sie "Freundinnen gefunden", fühle sich "geborgen". Politik? "Ist gut, aber nicht der Hauptgrund meines Interesses." Gern jedoch hört sie zu, wenn andere erzählen, von den Konflikten, den Siegen und Niederlagen der letzten 20 Jahre. Etwa, wenn Alfred Guggenheim von der HOSI-Wien-Gründungsphase spricht: Gefährlich für die Vereinsproponenten sei diese gewesen, "weil jeder von uns gleich doppelt mit sechs Monaten bis fünf Jahren Haft bedroht wurde". Grund für das Zittern waren zwei der damals vier Extraregelungen im Strafgesetzbuch für "gleichgeschlechtliche Unzucht": Paragraph 220, der "Werbung" verbot, und Paragraph 221, der die Gründung von Vereinen untersagte. In Verbund mit den Paragraphen 210 (Verbot homosexueller Prostitution) und 209 (niedrigeres Mindestalter für schwule Beziehungen) waren die strengen Gesetze der von der katholischen Kirche und der ÖVP geforderte Preis für die Abschaffung des "Totalverbots" homosexueller Liebe im Zuge der "Kleinen Strafrechtsreform" Christian Brodas im Jahr 1971. Diskriminierung Den "209er" gibt es heute immer noch - trotz Verurteilung Österreichs durch das Europa-Parlament: "Wenn mir das bei der HOSI-Gründung jemand prophezeit hätte, ich hätt's nicht geglaubt", sagt Alfred Guggenheim bitter. Weil heute, wie Vereinsobmann Christian Högl betont, "eigentlich Fragen der Antidiskriminierung und der rechtlichen Absicherung schwuler und lesbischer Partnerschaften auf der Tagesordnung stehen sollten". Wie sonst wo in Europa auch. Die auch im HOSI-Wien-Forderungskatalog vollzogene Wendung hin zu pragmatischen Fragen der Zweisamkeit findet der 74-jährige Kämpfer der ersten Stunde "paradox". Die Ursprungstruppe nämlich sei "an Ehe nicht sehr interessiert" gewesen: Alles "68er", die sich 1979 im links-alternativen "Rotstilzchen" zusammenfanden - ausschließlich Männer. Die Frauen stießen erst zwei Jahre später hinzu. Während dieser Anfangsphase sei der Anspruch, politische Verbesserungen für Lesben und Schwule erkämpfen zu wollen, in der Szene selbst keine Selbstverständlichkeit gewesen: "Viele Männer wollten ihr Schwulsein lieber unter der Tuchent lassen. Aus Angst vor Repressalien." Das sei heutzutage anders, wirft Obmann Christian Högl ein: "Meine Erfahrung ist: Je offener man lebt, umso leichter hat man's." Da nickt die 19-jährige Tamara, doch Dani (20), die neben ihr sitzt, runzelt die Stirn: Zwar kenne sie viele Lesben und Schwule, die "out" seien, sagt sie. Doch: "Wer fürchtet sich nicht vor blödem Gerede - vor allem am Arbeitsplatz?" Irene Brickner