Den Internationalen Frauentag am 8. März verbrachten Annette Lu Hsiu-lien und mit ihr mehr als 600 Frauen großteils im Zug. Dort - und bei Treffen an allen Stationen während der Inseltour - sollten die Anliegen der weiblichen Bevölkerungshälfte im Mittelpunkt stehen. Es ging um Gewalt gegen Frauen, die Vereinbarkeit von Familie und Karriere, die gläserne Decke - und selbstverständlich die politische Partizipation von Frauen, zu der noch vor der Abfahrt in Taipeh mit Pfeiferln und Hupen aufgerufen wurde. Nicht nur generell, sondern mit konkretem Anlass: Gebt am 18. März Chen Shui-bian und Annette Lu eure Stimme, hieß die Botschaft. Sie wurde gehört. Am Wochenende wurde Chen zum neuen Präsidenten von Taiwan und Lu, die er aus persönlicher Wertschätzung, aber auch als Signal für Gleichberechtigung an seine Seite gebeten hatte, zur Vizepräsidentin erkoren. Der ersten, wie Lu festhielt, in einem Land des konfuzianischen Kulturkreises. Eine auch, die sich seit zwei Jahrzehnten in der Opposition gegen die bis zum Wahlwochenende unangefochten regierenden Nationalisten (KMT) engagierte. Das war zumal vor der Aufhebung des Kriegsrechts 1987 höchst riskant. Doch sollte Lu je Bedenken gehabt haben, hat sie die für sich behalten. 1944 in Nordtaiwan geboren, studierte sie an der angesehenen National Taiwan University in Taipeh, dann an den US-Universitäten Illinois und Harvard Jus. In Harvard hätte sie bleiben können, doch als die USA 1978 die diplomatischen Beziehungen mit Taipeh abbrachen und mit Beijing aufnahmen, wollte Lu zurück. Ihr Weg führte sie freilich nicht in die KMT, sondern - zu einer Zeit, als unabhängige politische Parteien noch verboten waren - in die Oppositionsbewegung "Tang-wai", die demokratische Reformen einmahnte. Lu wurde Vizeherausgeberin des Mei li tao -Magazins, des wichtigsten Sprachrohrs der Opposition. Mit einer flammenden Rede trat sie zum Tag der Menschenrechte im Dezember 1979 vor eine Demokratiekundgebung in Kaohsiung. Nicht die Rede, sondern, wie die Opposition stets behauptete, die KMT war es, die Ausschreitungen provozierte. Lu und ihre Mitstreiter wurden verhaftet, Lu wurde zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt, kam dann aber 1985 frei. Beim Prozess lernte sie den erstmals politisch tätigen Juristen Chen Shui-bian kennen, ihren späteren Kollegen in der 1986 gegründeten Demokratischen Fortschrittspartei (DPP). Für die wurde Lu 1993 ins Parlament und 1997 zur Gouverneurin des Bezirks Taoyuan gewählt, der damals erfuhr, was es heißt, wenn eine Frau zupackt. Nun ist diese Lu die erste Frau in der neuen Regierung. Andere sollten folgen, denn Chen hat zum 8. März angedeutet, dass ein Viertel seines Kabinetts in weiblicher Hand sein würde. Brigitte Voykowitsch