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Albert Ostermaier, 1967 in München geboren, reflektiert in seinen lyrischen und dramatischen Arbeiten in sorgsam gebauten Textschleifen, die bei Suhrkamp veröffentlicht werden, das Verhältnis der Theatertradition zur Lebenswelt und deren Widerspiegelung in Kino und Unterhaltungsindustrie. Er wird in Mannheim, Hamburg oder Hannover aufgeführt. Seit der Uraufführung von Zwischen den Feuern. Tollertopographie 1993 in München folgte in atemloser Folge Stück auf Stück: In loser Bezugnahme auf Brecht und Müller verfasst Ostermaier suggestive Klangpartituren - in Wien wurde 2002 Letzter Aufruf im Arsenal aus der Taufe gehoben. Ostermaiers Fürsprecherin ist Regisseurin Andrea Breth - ihrem Plädoyer verdankt er auch die Überreichung des Kleist-Preises 2003.

Foto: APA/dpa/Frank Leonhardt
Der Kleist-Preisträger Albert Ostermaier ist der Lieblingsdramatiker der Burgtheater-Direktion: Mit dem Monologtext "Nach den Klippen", der am 21. Jänner im Akademietheater von Andrea Breth uraufgeführt wird, nimmt er, wie er Ronald Pohl erklärt, Anlauf für den ganz großen Wurf.


STANDARD: Ihr neues Stück "Nach den Klippen" setzt sich aus drei Monologen zusammen: Die Zauberin Circe beklagt eingangs die Flüchtigkeit ihres Gastfreundes Odysseus. Im Folgenden tauscht sie ihren Platz gegen modernere Zauberwesen: Frauen, die als "bewegte Bewegerinnen" selbst durch die Fremde irren und an der Untreue der Männer zuschanden gehen. Was treibt Sie an, die Odyssee neu zu erzählen? Ostermaier: Das Stück ist als Monolog konzipiert und zeigt die verschiedenen Facetten, Obsessionen und Sprachermächtigungen einer einzigen Frau: einer multiplen Persönlichkeit, durch die verschiedene Erzählmächte "hindurchwirken". Verschiedene Aspekte der Circe-Figur sollen ihre Sprache finden - die Schauspielerin ... STANDARD: Elisabeth Orth ... Ostermaier: ... soll sich der Figur annähern und zugleich entfremden. Die Metamorphosen dieser Figur sollen es ihr ermöglichen, die antike Circe zu sein und im Folgenden eine Frau aus der Gegenwart. Nach den Klippen ist obendrein ein Text über Sprachaneignung und Sprachverführung, über die Sinnlichkeit von Sprache. Wer erzählt - und besitzt zugleich die Macht über seine eigene Erzählung? STANDARD: Da schlägt doch jeder Regisseur die Hände über dem Kopf zusammen: Guter Gott, so viel Text und so wenig Handlung! Was sagt Ihre Uraufführungsregisseurin Andrea Breth dazu? Ostermaier: Für die Inszenierung ist das zunächst einmal eine ungeheure Herausforderung: Es ist ja nicht einmal ein "klassischer" Monolog, der einen kleinen Plot erzählt oder einen klar definierten Erzählort besitzt. Das ist ein polyfoner Monolog. Was mich bei der Probenarbeit sehr glücklich macht - sie spiegelt genau die Situation meines Schreibens wider. Ich habe mich für den Stoff ja sehr vorbereitet - jetzt gerät alles in unaufhörliche Bewegung. Jetzt blicke ich auf die Probenarbeiten so, wie ich in meinen eigenen Kopf hineinblicke. Bei mir setzt das sofort auch die Gedichtproduktion wieder in Gang: die Beschäftigung mit dem französischen Kino der 60er- und 70er-Jahre. STANDARD: Ein anderes Mal heißt Ihre Erzählerin "Moly". Da denkt man zunächst einmal pflichtschuldig an den Monolog der Molly Bloom am Ende von Joyces "Ulysses" - den berühmtesten "inneren" Monolog der Moderne. Ostermaier: Eigentlich heißt "Moly" etwas anderes. Wenn Odysseus zur Circe geht, bekommt er von seiner Schutzherrin Pallas Athene ein Gegengift ausgehändigt: das Kraut, das ihn gegen die Verzauberungsversuche der Circe immunisiert. Daher kann er sie auch ausbeuten und wird nicht, wie seine Gefährten, in ein Schwein verwandelt. STANDARD: Diese Anstalten braucht es gar nicht mehr: Er verhält sich gegenüber Circe ja auch so, ganz ohne Zauber, wie ein Schwein, oder? Ostermaier: Sie kennt dann aber auch ihrerseits Odysseus' Gegengift. Sie wird dadurch scheinbar unangreifbarer. Dafür schwört sie jedem Zauber, ihrer Magie, ab und bedient sich nur noch menschlicher Verführungsmittel. Wenn man das antike Ambiente wegnimmt, sind wir doch bei ganz urmenschlichen Situationen: Der Mann, Odysseus, geht kurz weg, Zigaretten holen. STANDARD: Zurück bleiben alternde Frauen. Wie kommt man als "junger" Dramatiker auf dieses Thema? Ostermaier: Durch die viele, vor allem dramaturgische Arbeit mit Andrea Breth bin ich auf Elisabeth Orth gestoßen: Ich war fasziniert von ihrer immensen Verwandlungsfähigkeit und ihrer Sprachmächtigkeit. Mich hat verblüfft und gerührt, wie sie meine Gedichte gelesen hat - eine Frau, die so viel erlebt hat ... Die nachhaltige Begeisterung für die Antike tat ihr Übriges: die Odyssee aus dem Blickwinkel derjenigen zu erzählen, die auf der Strecke bleiben. Es ist doch ein Geschenk, hier an der Burg zu arbeiten - mit den Möglichkeiten, die man hier hat! Man hört die Burgtheater-Stimmen beim Schreiben oder arbeitet dagegen an. STANDARD: Sie können sich hier der größten "Wunderharfe" des deutschsprachigen Theaters bedienen. Sie übersetzen - zuletzt Albees Stück "Die Ziege" -, Sie leisten Text- und Gedichtbeiträge, Sie werden zur Uraufführung gebracht. Wie kann man das in Worte fassen? Sind Sie der "Rookie", ein Dramaturg - oder der Mann für anfallende Textfragen? Ostermaier: Alles das. Ich profitiere vor allem von der Arbeit mit Andrea Breth. Dabei kann man sich, in der Zusammenarbeit mit ihr, Stoffe dialogisch aneignen, wie das sonst niemals möglich wäre. STANDARD: Frau Breth wird ja nicht müde, die gesellschaftlichen Kulturverluste zu beklagen. Ich nehme an, wenn man mit ihr zusammenarbeitet, heißt das: Bücher wälzen ohne Ende, für jeden hingeschriebenen Vers eine möglichst stichhaltige Begründung haben. Ostermaier: Unvorbereitet darf man ihr nicht kommen, nein. Sie ist eine unwahrscheinlich akribische Vorbereiterin. Das liebe ich doch: strenge Leser zu haben. Bevor der Text auf die Bühne kommt, ist er doch immer verbesserbar. Breth liest so genau - sie stellt Fragen, aber eben im Sinne von Fragen. STANDARD: Also nicht: "Junge, warum hast du das Wort da hingeschrieben?" Ostermaier: Sie examiniert nicht, sondern fragt: Was für ein Bedeutungsfeld macht ein Wort auf? Wie schärft man Texte an? Wie kann ich weglassen, was sich szenisch von selbst erklärt? Da kann es schon sinnvoll sein zu sagen: "Kill your darlings!" Da ich bei Suhrkamp veröffentliche, weiß ich: Der Text liegt ja literarisch vor. An der Theaterarbeit interessiert mich umso mehr der andere Brennspiegel. Dadurch bin ich überhaupt nicht empfindlich. Nur dann, wenn Texte hineingenommen werden oder wenn in Sätze hineingepfuscht wird. Sonst bin ich im Streichen radikaler als die meisten Regisseure. Jetzt soll in eineinhalb Jahren ein großes Stück für die Burg entstehen: Die Arbeit hier ist für mich ein ganz großes Glück. Anders kann ich das nicht sagen. STANDARD: So funktioniert Aufbauarbeit: Der Burg-Direktor beklagt ja, dass die zeitgenössischen Autoren das abendfüllende Stück nicht mehr zusammenbringen. Sie zimmern jetzt die "große Kiste"? Ostermaier: Nach den vielen Monologen das "klassische", große Stück. Die Kiste. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.1.2005)