Wien - Mit Erika ist Erik längst im Reinen. Weshalb sollte er ihr auch böse sein? Sie konnte ja wirklich nichts für diese desorientierte Hebamme. Abgesehen davon hat Erik auch den anderen Mitmenschen verziehen. "Vergessen habe ich aber nichts."

Gestern ist Erik Schinegger (56) bei der Vorpremiere im Kino gesessen. Er schaute sich sein Leben an. Überrascht hat ihn nichts. Weil er den Dokumentarfilm "Erik(A)" von Kurt Mayer vorab gesehen hat. "Ich habe mich darin wiedergefunden. Es ist der notwendige Abschluss einer nun kompletten Aufarbeitung gewesen."

Wenn sich Erik am Ende im freien Gelände Ski fahren sieht, "dann ist das ein Happyend. Nach einer langen Berg-und-Talfahrt, bei der mir immer wieder das Herz aus dem Leib gerissen wurde." Erst der Erika, dann dem Erik.

Rückblick, 19. Juni 1948, der elterliche Bauernhof im kärntnerischen Agsdorf. Die Hebamme blickt den Säugling irritiert an, gratuliert der Mutter nach unreiflicher Überlegung zu einem Mädchen, zur Erika. Die wächst mit Puppen auf, obwohl sie lieber mit einem Traktor gespielt hätte. Sie ist kräftiger gebaut als die Nachbarstöchter, was insofern wurscht war, als es der Arbeit am Hof nur dienlich war. Erika fährt Ski, schneller als die Buben. Erika hat Angst. "Meine Freundinnen bekamen die Regel und einen Vorbau, bei mir wuchs nichts. Ich hatte Sehnsucht nach einem Busen." Erika glaubt, lesbisch zu sein. "Und ich konnte mit niemandem darüber reden."

Der ÖSV wurde auf ihr Talent aufmerksam, Erika war zwar recht herb, aber darum darf und soll es im Skisport nicht gehen. Olga Pall wurde ihre beste Freundin, 1966 passierte, was der muskulösen Erika passieren musste: Im chilenischen Portillo wurde sie Weltmeisterin in der Abfahrt. Der Empfang daheim in Kärnten - na wusch. Österreich hat seine Skifahrer immer schon hofiert. Erika machte einen unbeholfen Eindruck, das Dirndl war kein Heuler. Der Versuch, die Locken zu einer Frisur zu zwingen, scheiterte kläglich.

Im Jahr darauf wurden verpflichtende Sextests eingeführt, dem ÖSV schwante Übles. Man versuchte, Erika zu einer Hormonbehandlung zu überreden, damit sie eine Frau, die sie eigentlich nie war, bleibt. Und so Wesentliches wie eine Goldmedaille behält. Der Innsbrucker Urologe Marberger stellte das XY-Chromsom fest, ein Hoden war in der Bauchdecke versteckt. "Er sagte mir, ich wäre ein Mann. Und, dass ich ein zweites Leben beginnen müsste, sonst ginge ich seelisch drauf." Die operativen Eingriffe zogen sich über sechs Monate hin, bis in den Juni 1968.

Erik wurde kurz im Herrenteam geduldet, dann legte man ihm nahe, zurückzutreten. 20 Jahre später gab er der Französin Marielle Goitschel die Goldene. "Ich musste sie loswerden. Vom ÖSV hat sich bis heute keiner entschuldigt."

Erik wurde schief angeschaut, schiefer noch als Erika. "Ich war wie ein Elefant im Porzellanladen." Erik wollte ein toller Hecht sein, heiratete, bekam ein Tochter, die Ehe wurde geschieden. "Er war ein Supermacho", sagt die Ex im Film. "Er ist kein Macho, sondern sensibel", sagt die zweite Frau und nicht im Film.

Erik Schinegger ist davon überzeugt, "dass mich der Sport gerettet hat." Speziell als Erika holte er sich das Selbstvertrauen, "um alles durchzustehen". Er hat sein Heimatdorf nie verlassen. "Obwohl ich es woanders leichter gehabt hätte. Aber ich musste bei den Wurzeln bleiben." Schinegger leitet die zweitgrößte Skischule Kärntens. In einem seiner Gasthöfe hat er Asylanten einquartiert. "Die brauchen mich. Das Leben hat mich Toleranz gelehrt."

Gestern saß Erik im Kino. (DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 14. Jänner 2005, Christian Hackl)